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Adventskalender: Türchen 15

Wir wünschen einen magischen dritten Advent!

"Film ab!"
 
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen: Durch meinen Job war ich es gewohnt, Verpflichtungen den schönen Dingen vorzuziehen. Den Besuch bei meiner Schwester wollte ich deshalb damit verbringen, die Weihnachtsbesorgungen zu machen, die ich sonst wie üblich auf die letzte Adventswoche geschoben hätte. Die Stadt war voller Menschen, die sich durch die Geschäfte drängten, die Kassen vollstopften und die Kassierer, die sich um ein Lächeln bemühten, um den Verstand brachten.
Ich war einer von diesen Weihnachtseinkäufern. Beladen mit Tüten bemühte ich mich, den erkalteten Kaffee nicht über meine Finger zu schütten, während ich mich durch das Gewühl drängte und im Kopf angestrengt Verbindungen zwischen Geschenkideen und Familienmitgliedern schuf. Multitasking eben. Noch zwei Wochen bis zu den Feiertagen und ich war bereits bedient.

Im Wetterbericht war Schnee für den Nachmittag angekündigt worden, aber ich gab nicht viel auf solche Prognosen, zumal mir in diesem Jahr noch keine Schneeflocke begegnet war. Warum sollte es daher ausgerechnet heute schneien?
Wie sehr ich mich irren sollte. Das weiße Puder rieselte erst zaghaft, dann stürmisch vom Himmel. Bald waren Häuser und Straßen schneebedeckt. Das Verkehrschaos ließ nicht lange auf sich warten. Die Autos konnten sich nur noch im Schneckentempo bewegen, die Busse blieben im stockenden Verkehr stecken und die Bahn, die mich wieder zurück zur Wohnung meiner Schwester bringen sollte, kam gar nicht mehr. Ich saß an der Haltestelle fest und fror mir die Glieder ab. Am Taxistand fand ich kein einziges Auto vor. Mit kalten Fingern wählte ich die Nummer meiner Schwester, die mir versprach, mich nach Feierabend abzuholen, aber es würde dauern. Ob ich mir bis dahin noch ein wenig die Zeit vertreiben könnte?

So schlenderte ich ziellos durch die Stadt und um die Bahnhofsgegend herum. Ich fasste den Entschluss, mich in ein warmes Café zu flüchten, als plötzlich eine leuchtende Anzeige meine Aufmerksamkeit bekam. „Kinotheater“ strahlte die Aufschrift aus kleinen Lämpchen mir entgegen. Aus dem Kassenhäuschen lächelte mir ein freundlicher kleiner Mann zu. Ich trat näher heran.
„Was zeigen Sie heute?“, fragte ich.
„Einen Weihnachtsfilm“, sagte er.
Obwohl ich kein Kinogänger war und mich Weihnachtsfilme erst recht nicht zu einem werden ließen, überlegte ich nicht lange, zahlte den Eintritt und betrat das Gebäude. Ich fand mich in einem roten Foyer wieder, das einladend warm war und nach süßem Popcorn duftete. Ich war der einzige Gast. Ein anderer freundlicher Mitarbeiter in Pagenuniform nahm mir die Karte ab und begleitete mich zum Saal.
„Die Vorstellung fängt gerade an“, sagte er und zog den Vorhang beiseite, hinter dem sich ein opulenter Saal mit einer großen Leinwand verbarg. Ich flüsterte ihm ein Danke zu und suchte mir einen Platz. Ich hatte freie Auswahl.
Der Film begann mit einem weihnachtlichen Glockenläuten, gefolgt von einer bekannten Melodie. Ich zog meinen nassen Mantel aus, legte die Tüten ab und machte es mir bequem. Ich versank ins weichen Polster, tauchte in die Dunkelheit und in das Filmgeschehen ab. Zu sehen war eine Familie am Weihnachtsabend, alles sehr besinnlich und beschaulich. Es gab reichlich zu essen, Kerzen brannten und hinter den Fenstern fiel Schnee. Dieser Film war darauf aus, Weihnachtsstimmung zu verbreiten und ich musste zugeben, er hatte mich gepackt. Eingenommen von einer tröstlichen Nostalgie brachte mich der Film an meine Weihnachtsabend zurück. Ich vergaß den Stress, vergaß die Verpflichtungen, die mir täglich wie böse Geister durch den Kopf gingen, und gab mich der Idylle auf der Leinwand hin. Sie fühlte sich so gut an wie flüssiges Karamell schmeckte.
Ich hatte das Gefühl, ich würde aus der Zeit gleiten.
 
Meine Schwester erwartete mich am verabredeten Treffpunkt. Ich lud die Einkäufe ins Auto und stieg auf den Beifahrersitz.
„Du bist ja gar nicht durchgefroren“, stellte sie fest.
„Weil ich im Kino war.“
Ich erzählte ihr alles bis ins kleinste Detail. Versuchte ihr vor Augen zu führen, was ich gesehen hatte und wie sehr es mich bewegte, beschrieb ihr das Kassenhäuschen und das rote Foyer, sprach von dem Weihnachtsfilm, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte, der mich aber hatte in Weihnachtsstimmung versetzen können wie kein Film zuvor.
Ich konnte das Gesicht meiner Schwester nicht sehen. Es irritierte mich, dass sie nicht sprach. Ich schloss meinen Vortrag damit, dass ich sie gerne in das Kinotheater am Bahnhof einladen würde.
„Gleich morgen nach deiner Schicht. Was hältst du davon?“, fragte ich.
„Du überrascht mich, kleiner Bruder“, sagte sie. Ich nahm an, dass es ihr um meine plötzliche Begeisterung für Weihnachtsfilme ging, aber dann überraschte sie mich.
„Das Kino, von dem du da sprichst“, sagte sie, „hat schon vor mehreren Jahren zugemacht.“
 

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