18. September 2026 / Allgemeines

Der Name, der auf Gleis 1 bleibt

Zugbegleiter Serkan Calar kam vom Dienst nicht nach Hause. Sieben Monate nach seinem Gewalttod bei einer Ticketkontrolle erinnert am Mannheimer Hauptbahnhof eine Tafel an den Schaffner.

Minister Bilger (l, CDU) und Bahnchefin Palla verneigen sich im ehrenden Gedenken.
Veröffentlicht am 18. September 2026 um 17:03 Uhr von Wolfgang Jung, dpa

Schweigeminute für einen Toten: Statt Kofferrollen und Stimmengewirr ist es auf Gleis 1 einen Moment lang ungewöhnlich still. Der Augenblick im Mannheimer Hauptbahnhof gilt Zugbegleiter Serkan Calar, der vor sieben Monaten nach einem Angriff während einer Fahrscheinkontrolle starb. Schon kündigt eine Durchsage die nächste Abfahrt an. Etwas aber bleibt von diesem Moment: die Erinnerung an Calar und eine Tafel mit seinem Namen.

Calar, 36 Jahre alt, war Anfang Februar in einem Regionalexpress in der Pfalz angegriffen worden. Wenige Tage später starb der Mann aus Ludwigshafen an einer Hirnblutung. Jetzt kamen seine Familie, Freunde und frühere Kolleginnen und Kollegen zusammen, um den Gedenkort freizugeben. Für einen Augenblick ging es an diesem so geschäftigen Ort nicht ums Ankommen und Abfahren.

In Dankbarkeit und Respekt

Der alleinerziehende Vater hinterließ zwei minderjährige Söhne. Der 26 Jahre alte Täter wurde wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Tat löste Entsetzen und eine Debatte über die Sicherheit im öffentlichen Verkehr aus. Demonstrativ waren auch Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) und Bahnchefin Evelyn Palla zum Gedenken gekommen.

Mannheim war Calars Dienstort. Auf der Tafel steht sein Name, dazu Worte des Gedenkens: Calar habe sich «mit großem Engagement» für Reisende sowie Kolleginnen und Kollegen eingesetzt. «Wir erinnern in Dankbarkeit und Respekt an ihn.» Sein Tod mahne zu Rücksichtnahme und respektvollem Miteinander.

«Serkan, deine Spuren bleiben»

Nach einer Schweigeminute sprechen Palla, Bilger und Calars Bruder Eray einige Worte. Anschließend legen sie Blumen nieder. Auch für die Familie ist die Tafel mehr als eine Markierung. «Diese Gedenktafel erinnert an unseren Serkan - und gleichzeitig an etwas, das uns alle verbindet: Jeder Mensch ist wertvoll. Jeder Mensch verdient Respekt. Kein Mensch sollte vergessen werden», betont sie. «Serkan, du bist gegangen, aber deine Spuren bleiben.»

Gemeinsam mit der Familie will die Deutsche Bahn den Ort dauerhaft als Mahn- und Gedenkort erhalten. Der Soziologe Thorsten Benkel von der Universität Passau hatte zuvor darauf hingewiesen, dass eine solche Tafel das Leid der Angehörigen nur begrenzt lindern könne. Sie könne aber sichtbar machen, was geschehen ist - und dass Calar im Dienst ums Leben kam. Die Sinnlosigkeit des Todes bei einer Ticketkontrolle mache den Fall besonders schwer begreifbar.

Mehr Schutz im Dienst

Der Tod des Zugbegleiters hat auch Folgen für den Arbeitsalltag bei der Bahn. Nach dem Angriff wurden die Sicherheitsmaßnahmen ausgeweitet. So gehören Bodycams inzwischen zum Alltag vieler Beschäftigter mit Kundenkontakt. Und in mehreren Pilotprojekten werden neue Personalkonzepte getestet, bei denen Kundenbetreuer zu zweit, in Kombination mit einer Sicherheitskraft oder in größeren Gruppen unterwegs sind.

Der Bahn zufolge zeigen die Projekte bereits positive Ergebnisse. Gefährliche Situationen ließen sich so besser deeskalieren. Auch soll künftig noch stärker auf digitale Unterstützung gesetzt werden. So wird aktuell eine sogenannte Video Security Cloud eingerichtet, um die Strafverfolgung zu erleichtern und eine App entwickelt, die mitreisende Kollegen im Fall eines Übergriffs alarmiert. 

Zahlen hinter dem Gedenken

Wie groß die Herausforderung ist, zeigen die Zahlen der Bahn. 2025 wurden konzernweit 3.264 körperliche Übergriffe auf Beschäftigte registriert, rund 70 Prozent davon betrafen Zugbegleitpersonal. Bei DB Regio waren es 1.659 Fälle.

Im ersten Halbjahr 2026 wurden dort bereits 989 körperliche Übergriffe gezählt, darunter 22 schwere Körperverletzungen. Dieser Entwicklung will nun auch die Bundesregierung mit einer Gesetzesinitiative Einhalt gebieten, die unter anderem härtere Strafen bei Übergriffen in Aussicht stellt.


Bildnachweis: © Hannes P. Albert/dpa
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