Dass Jeannine Platz eine besonders schöne Handschrift hat, wusste sie schon als Kindergartenkind – obwohl sie da noch nicht einmal schreiben konnte. «Ich habe schon damals kalligraphiert, ohne dass ich wusste, dass es das gibt», erinnert sich die in Hamburg lebende Künstlerin. Mittlerweile ist diese Kunst mit dem Stift ihr Beruf. Oder vielmehr: Ihre ganz persönliche Handschrift ist ihr Beruf. Denn die leiht sie seit Jahrzehnten großen Marken wie Chanel, Tiffany und Louis Vuitton sowie Luxushotels und zahlreichen Stars. Sie schreibt für sie persönliche Einladungen, adressiert Briefe, Hochzeitseinladungen und Danksagungen. Sie beschreibt Container, Tischkarten, die Wände von Hotels, Hochzeitskleider und sogar Menschen. Die kunstvolle Schrift der gebürtigen Hannoveranerin Jeannine Platz ist weltweit zu finden – und längst Teil der High Society. Vor 30 Jahren hat sie allein aufgrund ihrer schwungvollen, gleichmäßigen und charakterstarken Handschrift das erste Mal Geld verdient. «Ich habe gleich hochkarätig mit Montblanc angefangen», sagt die energiegeladene wie sanfte 52-Jährige und lächelt. Und sie ist noch immer die Signature-Schrift für den Hamburger Hersteller edler Schreibgeräte. Trotz der vielen Aufträge – die sie oft abends und nachts abarbeitet, weil sie den Tag gern für ihre Malerei nutzt – ist das Schreiben für sie jedes Mal wieder eine Freude. Ein Gefühl, wie frisch verliebt zu sein, sagt sie mit strahlenden Augen. «Für Karl Lagerfeld habe ich mal 5.000 Einladungskarten und 5.000 Briefe beschriftet. Da habe ich genauso viel Hochachtung und Wertschätzung wie für einen, der nur einen Namen auf einer Tischkarte möchte.» Und deshalb steckt überall ihre Leidenschaft für diese besondere Kunst drin. Selbst ihre Einkaufszettel sehen aus wie kleine Kunstwerke. Eine Aus- oder Weiterbildung zur Kalligraphin habe sie nicht gemacht. «Es kommt einfach nur aus mir heraus. So wie ich es in dem Moment fühle.» Aber sie habe bei einem japanischen Meister die Kunst der Kalligraphie mit Körper, Geist und Seele vertieft. In ihrem Atelier am Alten Wall in der Nähe des Hamburger Rathauses hat Jeannine Platz in einem kleinen Extra-Raum ein Regal mit unzähligen Stiften, Federhaltern, Tintenfässern und Federspitzen. Der Raum ist über und über mit Karten, Einladungen und Blättern beklebt. Und auf allen ist ihre Handschrift zu finden. In ihrem großen, hellen Atelier finden sich zudem die Bilder, die sie auf die große Leinwand gebracht hat. Auch hier ist ihre Handschrift immer wieder Teil des Kunstwerks. «Das war immer gleichwertig bei mir. Es hat gleichzeitig angefangen. Es ist irgendwie dasselbe.» Ein Lieblings-Schreibgerät hat sie dabei nicht. «Man kann ja echt mit allem schreiben.» Probleme in den Händen hat sie auch nach langer Arbeit nicht: «Im Gegenteil. Wenn ich erst mal im Flow bin, dann vergesse ich die Zeit und ich kann 20 Stunden am Stück schreiben, ohne dass ich aufhöre. Ja, ich liebe auch dieses Geräusch, wie die Feder über das Papier kratzt. Ich finde das so toll.» Für eines ihrer Kunstprojekte mit Schrift hat sie zahlreiche Musikerinnen und Musiker gewinnen können. Für «The Voice on my Skin» hat sie bereits auf die Haut von Ulrich Tukur, Jasmin «Blümchen» Wagner, Alec Völkel von Boss Hoss oder Marian Gold von Alphaville deren eigene Songtexte auf die Haut kalligraphiert und porträtieren lassen. «Ich ziehe sie sozusagen mit ihren Worten an, es ist wie ein Mantel.» Ausstellung und Buch mit den rund 100 Porträts sollen in etwa zwei Jahren öffentlich gezeigt werden. Die Kalligraphie-Expertin wünscht sich, dass wieder viel mehr Menschen mit der Hand schreiben. Viele glaubten, sie könnten nicht schön schreiben. Aber: «Sie müssen nicht schön schreiben, sie müssen nicht kalligraphieren, sie sollen einfach nur schreiben. Und es muss nicht gleich gut aussehen.» Viel wichtiger sei, die Muskeln und Synapsen in Bewegung zu halten. «Das Schöne kommt dann sowieso irgendwann.» Dieses Ziel hat auch die Stiftung Handschrift mit Sitz in Wiesbaden. Ihr Fokus liegt dabei auf Schülerinnen und Schülern, die – auch mit Hilfe eines Schreibwettbewerbes zum Welttag der Handschrift am 23. Januar – die Liebe zur Handschrift und die Vorteile daraus entdecken sollen. «Forschungen zeigen, dass das Schreiben mit der Hand pures Denktraining für das Gehirn ist», sagt Stiftungs-Geschäftsführer Raoul Kroehl der Deutschen Presse-Agentur (dpa) dazu. «Schreiben lernen heißt Denken lernen.» Die Handschrift sei außerdem wie ein Fingerabdruck, ergänzt die Hamburger Künstlerin Platz. «Das ist einzigartig, jede Schrift ist wie eine Persönlichkeit. Deswegen: Machen und nicht nur tippen.» Es sei schade, dass auch viele Kinder in der Schule vor allem Druckschrift schreiben. Natürlich sei alles im Wandel. «Das Tippen und Wischen ist ja auch wichtig. Aber wir dürfen das andere nicht verlieren. Es muss erhalten bleiben.»Schreibgerätehersteller Montblanc war ihr erster großer Auftrag
Jeannine Platz liebt das Geräusch der übers Papier kratzenden Feder
Musikerinnen und Musiker lassen sich Songtexte auf die Haut malen
Welttag der Handschrift ist am 23. Januar
Bildnachweis: © Georg Wendt/dpa
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Eleganz in Tinte: Kalligraphin schreibt für Chanel & Co.
Die Handschrift eines Menschen ist so etwas wie sein Fingerabdruck. Jeannine Platz hat einen ganz besonderen. Die Hamburgerin leiht ihre Handschrift großen Marken – und ihrer Kunst.
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