16. Juni 2023 / Allgemeines

Flut im Kriegsgebiet: Ukraine kämpft mit Umweltkatastrophe

Die Zerstörung des Kachowka-Damms und das Auslaufen des Sees im Süden der Ukraine haben auch Naturschutzgebiete schwer getroffen. Wegen der zerstörten Kanalisation erhöhen Keime die Seuchengefahr.

Nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms im Kriegsgebiet im Süden der Ukraine können sich die Böden auch wieder erholen, so ein Experte.
von Ulf Mauder, dpa

Tausende Hektar Wald, einzigartige Naturschutzgebiete und riesige Ackerflächen haben die Wassermassen aus dem zerstörten Kachowka-Stausee im Süden der Ukraine überschwemmt. Im Gebiet Cherson spülte das Wasser Unmengen an Schlamm, der mit Schwermetallen belastet ist, über das Land. Betroffen sind von der Umweltkatastrophe Böden, die zu den fruchtbarsten in Europa gehören. Das Wasser hat bei seinem Abfluss ins Schwarze Meer aber auch viele seltene Tiere in den Tod gerissen und die ursprüngliche Pflanzenwelt im Delta des Dnipro-Flusses verwüstet.

Noch sind nicht alle Folgen dieses beispiellosen Desasters sichtbar. Aber die Probleme sind schon jetzt riesig. Und es kommen neue hinzu, weil sich etwa durch verwesende Kadaver von Tieren, durch überschwemmte Friedhöfe und durch zerstörte Kanalisation und Güllegruben Keime ausbreiten. Tausende Toiletten in Häusern, aber auch Kläranlagen sind geflutet.

Mediziner warnen, dass Seuchen wie Cholera entstehen können. Durch das verunreinigte Wasser seien Durchfallerkrankungen, Infektionen der Haut und der Augen zu erwarten. Zusätzlich verschmutzen Öl, Schmiermittel und andere giftige chemische Substanzen das Wasser.

Erschwert wird die Lage dadurch, dass Russland weite Teile des Gebiets Cherson durch seinen Krieg gegen die Ukraine besetzt hält. Russische und ukrainische Truppen schießen aufeinander. Rettungseinsätze für die von der Flut betroffenen Menschen sowie Sicherungsmaßnahmen für die Natur und archäologische Ausgrabungsstätten sind wegen der Kampfhandlungen schwer zu organisieren.

Ukraine verliert wichtiges Wasserreservoir und viel Wald

Zwar sinkt momentan der Wasserstand. Aber noch immer steht etwa der nationale Naturpark im Unterlauf des Dnipro (Nyschnjodniprowskyj) im Schnitt zwei Meter unter Wasser. Spezialisten seien unterwegs, um die Wasserqualität zu messen und die Schäden aufzunehmen, teilte der ukrainische Minister für Umwelt und Naturressourcen, Ruslan Strilez, im Nachrichtenkanal Telegram mit. Die Ukraine habe 18 Kubikkilometer Wasser verloren durch das Auslaufen des Stausees. In der Region sei die Hälfte des Waldes von 55.000 Hektar verloren, so der Minister.

Rund 80.000 Hektar geschütztes Gebietes wurden «weggespült und mit ihm seltene Tierarten», das entspreche etwa der Fläche Berlins, erklärt Strilez. 160.000 Tiere und 20.000 Vögel seien durch die Katastrophe in Gefahr. Das Hochwasser betrifft ein ganzes Ökosystem. Strilez befürchtet, die Region könnte sich in eine Wüste verwandeln. 30 Prozent der Natur im Gebiet Cherson seien in Gefahr zu verschwinden. Auch das Biosphärenreservat Schwarzes Meer rund 45 Kilometer südwestlich von Cherson ist betroffen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht von der größten menschengemachten Umweltkatastrophe der letzten Jahrzehnte in Europa - und fordert einmal mehr Hilfe vom Westen. Hunderttausende Menschen in der Region seien ohne «normalen Zugang» zu Wasser. Selenskyj wirft Russland vor, den Staudamm vermint und gesprengt zu haben. Dagegen behauptet Kremlchef Wladimir Putin, der den größten Teil des Gebiets besetzt hält und die Region Cherson annektiert hat, die Ukraine selbst habe durch Beschuss mit Raketenwerfern die Staumauer zerstört.

Anders als Selenskyj spricht Putin auch nur von «Problemen», die lösbar seien. Fragen der «ökologischen und sanitären» Sicherheit müssten ernsthaft angegangen werden. Dabei ist allen klar, dass der mehr als 60 Jahre alte Kachowka-Stausee als eines der größten Wasserreservoire der Ukraine ohne Putins Krieg, den er am 24. Februar 2022 begonnen hatte, heute noch intakt wäre.

Seltene Tierarten bedroht und Pflanzenwelt zerstört

Die auf Naturschutz spezialisierte Nichtregierungsorganisation UNCG (Ukrainian Nature Conservation Group) spricht von russischem «Öko-Terror» gegen die Schutzgebiete in der Region. Die Schäden für die Natur mit ihren einzigartigen Biotopen seien verheerend: seltene Ameisenpopulationen, Reptilien und Amphibien, Nistplätze für Vögel, aber auch Säugetiere seien vernichtet.

Der Lebensraum von 70 Prozent des weltweiten Bestands der Birkenmaus (Sicista loriger) ist laut UNCG überflutet und damit verloren, was nun zum Aussterben der Art führen könne. Auch die Hälfte der Population der Sandblindmaus (Spalax arenarius) sei zerstört, schreiben die Experten der Organisation in einem Bericht.

Während Präsident Selenskyj die Katastrophe mit den Folgen des Einsatzes einer «Massenvernichtungswaffe» vergleicht, sind Wissenschaftler um nüchterne Einschätzungen bemüht. Sie verweisen etwa darauf, dass die Explosion des Reaktors im Atomkraftwerk Tschernobyl 1986 viel schwerwiegendere Folgen hatte - auf Jahrzehnte.

Der Biologe Andrej Adrianow von der Russischen Akademie der Wissenschaften erklärt, das Wasser müsse erst weg sein, um das Ausmaß der Schäden zu messen. Untersucht werden müsse aber etwa der abgelagerte Schlamm auf den Böden. Vor allem die wirtschaftlichen Schäden seien hoch, weil Landwirte keinen Ertrag mehr erhielten. Das Gebiet gilt als Kornkammer der Ukraine.

Deutscher Experte sieht Chance für Erholung der Böden

Dennoch können sich die Böden nach Einschätzung des Experten Georg Guggenberger auch wieder erholen. «Böden sind Lebewesen, die sich heilen können», sagte der Leiter des Instituts für Bodenkunde an der Universität Hannover der Deutschen Presse-Agentur. Voraussetzung sei, dass das ins Schwarze Meer abfließende Wasser aus dem Stausee die Erde nicht wegspüle. «Natürlich sind die jetzigen Ackerbaukulturen zerstört, überall da, wo es Überschwemmung gibt», sagte Guggenberger.

«Prinzipiell sollten sich die Böden regenerieren, wenn das Wasser relativ rasch wieder abfließt. Wahrscheinlich muss auch mit großen Erosionserscheinungen gerechnet werden, was jetzt aber noch nicht absehbar ist.» Das Ausmaß der chemischen Belastung sei noch nicht klar, aber auch diese könne wieder abgebaut werden.

Nach Darstellung des Wissenschaftlers fehlt nun die für den Anbau von Obst und Gemüse wichtige Bewässerung. Das Wahrzeichen der Region - die berühmten Wassermelonen - werde es etwa nicht mehr geben. Dagegen sei für Weizen und Sonnenblumen für die Speiseölgewinnung keine Bewässerung nötig. «Das sollte im kommenden Jahr zumindest eingeschränkt wieder funktionieren.» Guggenberger sieht aber noch ein gravierendes Problem, auch wenn eines Tages die Kämpfe im Kriegsgebiet enden. «Die größte Gefahr sehe ich aber in der Freispülung der vergrabenen Minen, die jetzt mit dem Wasser überall hin transportiert werden können.»


Bildnachweis: © Stringer/AP/dpa
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