11. Juli 2023 / Allgemeines

Hochbegabte 13-Jährige will ins Weltall fliegen

Schon mit vier Jahren beschloss Adela Poteri, Astronautin zu werden. Mit fünf vertiefte sie sich in Bücher über das Universum. An der Uni Hannover fühlt sich das hochbegabte Mädchen richtig wohl.

Adela Poteri in der Leibniz Universität Hannover. Die hochbegabte 13-jährige besucht Mathematik-Vorlesungen an der Uni.
von Christina Sticht, dpa

Chillen, Shoppen, Serien gucken - solche Aktivitäten gelten als typisch für Teenager, doch Adela Poteri kann damit nichts anfangen. Die 13-Jährige beschäftigt sich lieber mit Chinesisch, Quantenmechanik oder den Büchern des weltberühmten Astrophysikers Stephen Hawking. «Er ist mein Lieblingswissenschaftler», erzählt die Schülerin in einer Cafeteria der Universität Hannover.

Adelas Augen strahlen, wenn sie durch den Lichthof des Uni-Hauptgebäudes geht. Unter den Studierenden fühlt sich die 13-Jährige wohl - auch optisch unterscheidet sich die junge Frau mit den lockigen, langen Haaren kaum von ihren weit älteren Studienkolleginnen.

Sie hat gleich vier Klassen übersprungen

Adela Poteri ist hochbegabt und damit nach Experten-Definition schlauer als der Großteil der Bevölkerung. Laut Mensa, dem bundesweit größten Netzwerk für Hochbegabte, spricht man ab einem Intelligenz-Quotienten von 130 von Hochbegabung. Rund 2,2 Prozent der Menschen erreichen das in Deutschland. Nach Angaben von Sabrina Henning, Vize-Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind, gibt es bundesweit etwa 300 000 hochbegabte Schülerinnen und Schüler. Rund 11 000 lassen sich Henning zufolge als höchstbegabt einstufen. Sie hätten einen IQ von über 145.

Adela hat vier Klassen übersprungen und würde am liebsten sofort ihre Abiturprüfungen schreiben. Jedoch ist dafür in Niedersachsen eine zweijährige Qualifikationsphase notwendig, die erst nach den Sommerferien beginnt. Parallel zur Oberstufe ist die Teenagerin seit dem Wintersemester 2022/2023 als Juniorstudentin für Mathematik eingeschrieben. Die Klausur «Analysis 1» hat sie bestanden, jetzt folgt «Stochastik».

Unterforderung bedeutet für sie Stress

Die Scheine kann sie sich später anrechnen lassen, Adela will Mathe und Physik studieren, in beiden Fächern eine Doktorarbeit schreiben und eine Pilotenausbildung machen. «Vor neun Jahren habe ich beschlossen, Astronautin zu werden», sagt sie. Lesen konnte die Vierjährige damals schon, mit fünf Jahren wünschte sie sich von ihrer Mutter Bücher von Hawking über das Universum.

Kinder mit so vielen Interessen und Talenten werden manchmal argwöhnisch betrachtet oder sind mit Vorurteilen konfrontiert. Werden sie nicht um eine unbeschwerte Kindheit gebracht? Stehen sie angesichts der vielen Lernprojekte besonders unter Stress?

Im Gegenteil, sagt Henning. Die ständige Unterforderung in der Schule sei Stress für höchstbegabte Kinder und könne sogar krank machen: «In der Unterforderung ist die Langeweile eine Qual. Die Betroffenen quälen sich durch die Schulzeit.» Elsbeth Stern, Professorin für Psychologie an der ETH Zürich, ergänzt: «Das ist so, als ob wir auf Dauer wieder in einer Grundschule sitzen müssten, wo das Alphabet geübt wird.»

Sie macht Musik und geht mit Papa joggen

Adela ist glücklich, wenn ihr Wochenplan, den sie auf ihrem IPad verwaltet, gut gefüllt ist. Ihre Eltern finanzieren ihr Online-Unterricht in mehreren Sprachen, darunter Chinesisch, Koreanisch sowie Montenegrinisch, die Muttersprache ihrer Mutter und Bosnisch, die Muttersprache ihres Vaters. Darüber hinaus spielt die Jugendliche Klavier, Saxofon und Gitarre, singt und zeichnet gerne. «Mit meinem Papa jogge ich mehrmals pro Woche», erzählt sie.

Etwa zweimal im Jahr trifft sich Adela mit Klaus Urban und tauscht sich mit ihm aus. Als Professor für Sonderpädagogische Psychologie an der Universität Hannover hat er schon in den 1970er Jahren zum Thema Hochbegabung geforscht.

«Adela hat einen sehr hohen IQ, den viele andere Menschen auch haben. Bei ihr kommt hinzu, dass sie ein enormes Erkenntnisstreben, eine enorme Neugier hat», sagt der Wissenschaftler. Die 13-Jährige sei sehr diszipliniert, was das Lernen betrifft. «Sie ist sehr strukturiert und zielorientiert. Gleichzeitig sind ihre Freundlichkeit, ihre Herzlichkeit und ihre soziale Seite ganz bemerkenswert», schwärmt Urban.

Bürokratische Hürden für Hochbegabte

Bemerkenswert und richtig sei auch, wie Adela auf ihr Ziel hinarbeite, Astronautin zu werden. Viele Menschen, die später Exzellenz in einem bestimmten Bereich erreichten, hätten ihre Ziele vom Kindesalter an verfolgt, sagt Urban. «Für begabte Kinder ist Lernen wie Spielen.»

Den Überfliegern werden in der Schule allerdings manchmal Hindernisse in den Weg gestellt. «Generell ist in Deutschland alles sehr bürokratisch», kritisiert Intelligenzforscherin Stern. Wenn ein Kind eine Klasse überspringen möchte, müssten Anträge bei den Schulbehörden gestellt werden. «Aus meiner Sicht sollte dies eher in den einzelnen Schulen von Psychologen, die sich mit Lernen auskennen, entschieden werden.»

Adela hat an ihrer bisherigen Schule negative Erfahrungen gemacht, über die sie im Interview an der Uni nicht reden möchte. Sie geht nach den Sommerferien auf ein anderes Gymnasium und blickt mit Optimismus und Vorfreude auf das neue Schuljahr. Lieber spricht sie über Astronaut Alexander Gerst, dem sie 2019 geschrieben und eine Postkarte zurück erhalten hat. «Ich würde ihn so gerne einmal treffen. Aber sein Zeitplan ist sicherlich mindestens so voll wie meiner», vermutet Adela.


Bildnachweis: © Julian Stratenschulte/dpa
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