11. Mai 2021 / Allgemeines

Mehrere Tote bei Angriff auf russische Schule

In einer russischen Schule schießt ein junger Mann um sich. Mindestens neun Menschen sterben. Das Entsetzen im Land ist groß. Präsident Wladimir Putin kündigt strengere Waffenregelungen an.

Rettungswagen und Polizeifahrzeuge mit Blaulicht und Sirene: der Tatort in der russischen Stadt Kasan nach dem tödlichen Angriff.
von Hannah Wagner und Christian Thiele, dpa

Bei einem bewaffneten Angriff auf eine Schule in Russland sind mindestens neun Menschen getötet worden. Die meisten Opfer waren Schüler der achten Klasse, die am Dienstag in der Großstadt Kasan ihre zweite Unterrichtsstunde hatten.

Die Behörden in der Republik Tatarstan schlossen zunächst einen terroristischen Hintergrund aus. Ein 19-Jähriger wurde festgenommen. Den Behörden zufolge handelte es sich um einen Einzeltäter. Seine Motive waren zunächst noch unklar. Kremlchef Wladimir Putin will als Konsequenz aus der Tat das Waffengesetz verschärfen.

Kasan steht an diesem ersten Schultag nach den Maiferien unter Schock: Fernsehbilder zeigen weinende Menschen vor dem abgesperrten Schulgelände, Eltern bangen um das Schicksal ihrer Kinder. Zahlreiche Krankenwagen sind vor Ort, schwerbewaffnete Sicherheitskräfte haben vor den Schultoren Stellung bezogen. Kinder werden teils über Leitern aus dem Gebäude gebracht - einige in einen benachbarten Kindergarten, andere sitzen verletzt auf Bürgersteigen. Manche weinen.

Kurz zuvor hatte es am Vormittag erste Berichte über Schüsse in dem Gymnasium gegeben. Zeugen berichteten von explosionsartigen Geräuschen. In Amateurvideos war zu sehen, wie Rauch aus einem mehrstöckigen weißen Gebäude stieg. Es waren laute Schreie zu hören. Später wurden Aufnahmen aus dem Innern der Schule veröffentlicht. Sie zeigten verwüstete Gänge, zersplittertes Glas auf dem Boden. In Panik sollen einige Kinder aus Fenstern im dritten Stock gesprungen sein.

Warum der festgenommene 19-Jährige mit einer Waffe um sich geschossen haben soll, war zunächst unklar. Medienberichten zufolge wurde er kürzlich wegen Schulden von einer Berufsschule verwiesen. Die Staatsagentur Tass schrieb unter Berufung auf Sicherheitskreise von «Hass» als möglichem Motiv. Medien berichteten, er habe seine Tat kurz zuvor auf Telegram angekündigt. Er sei der Polizei vorher nie aufgefallen. «Er wuchs ganz gewöhnlich auf.»

Die genutzte Waffe ist den Behörden zufolge auf den jungen Mann registriert gewesen. Den Waffenschein soll er erst im April bekommen haben. Zwischenzeitliche Berichte über einen zweiten Angreifer wiesen die regionalen Behörden zurück. Die beiden staatlichen Nachrichtenagenturen Tass und Ria Nowosti hatten zwischenzeitlich elf Todesopfer gemeldet. Später war dann von neun die Rede.

Rund 20 Menschen wurden teils schwer verletzt in Krankenhäuser gebracht. Unter ihnen sind laut regionalem Bildungsministerium 18 Kinder im Alter von 7 bis 15 Jahren. Die Bürger in Tatarstan wurden zu zusätzlichen Blutspenden aufgerufen. Nach den Worten von Vize-Regierungschefin Tatjana Golikowa wurde medizinisches Fachpersonal in die muslimisch geprägte Republik geflogen.

Der Republikchef von Tatarstan, Rustam Minnichanow, sprach von einer «großen Tragödie». Er nannte den Täter einen «Terroristen». Zunächst war auch ein Anti-Terror-Einsatz ausgerufen worden. Am Nachmittag gab es dann aber keinen Terror-Verdacht mehr. Wie das Ermittlungskomitee mitteilte, wurde gegen den jungen Mann ein Strafverfahren wegen Mordes eingeleitet.

Die Tat löste landesweit Entsetzen aus. In der Hauptstadt Moskau gedachten Regierungsvertreter und Abgeordnete der Staatsduma mit einer Schweigeminute der Opfer. Das Bildungsministerium empfahl allen russischen Schulen, die Sicherheit zu erhöhen. Dazu sollten «zusätzliche Maßnahmen» ergriffen werden, hieß es.

Russlands Präsident Wladimir Putin drückte den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus. «Der Präsident spricht den Angehörigen der Kinder, die durch die Hand des Schützen gestorben sind, sein tiefes Beileid aus und wünscht den Schulkindern, die verletzt wurden, baldige Genesung», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Putin wies demnach außerdem an, eine verschärfte Regelung für zivilen Waffenbesitz auszuarbeiten. Es sollten schnell neue Vorgaben zu den Typen von Waffen geben, die die Bevölkerung besitzen dürfe, sagte Peskow. Die Waffengesetze in Russland gelten im Vergleich zu anderen Ländern als strikt. So dürfen etwa nur bestimmte Waffen erst nach vorheriger Prüfung in den Besitz von Bürgern.

Nach früheren Angriffen auf Schulen haben viele russische Bildungseinrichtungen Wachpersonal an Eingängen. Laut der stellvertretenden Direktorin soll es an der Schule Nummer 175 in Kasan aber lediglich einen Alarmknopf gegeben haben. Außerdem gab es in Russland in der Vergangenheit immer wieder Festnahmen, weil Jugendliche angeblich Angriffe auf Schulen geplant hatten. Solche Angriffe auf Schulen sind aber vergleichsweise selten.

Das Verbrechen in Kasan rief auch Erinnerungen an einen der schlimmsten Überfälle auf eine russische Schule im Jahr 2004 wach: Damals brachten tschetschenische Terroristen in Beslan in Nordossetien mehr als 1000 Lehrer, Schüler und Eltern in ihre Gewalt, die sich dort zum Beginn des neuen Schuljahres versammelt hatten. Zwei Tage später stürmten Spezialeinheiten die Turnhalle. Dabei kamen mehr als 300 Menschen um, mehr als die Hälfte waren Kinder.

Im Oktober 2018 schoss ein 18-Jähriger in der Stadt Kertsch auf der von Russland einverleibten Schwarzmeer-Halbinsel Krim an einer Berufsschule um sich und zündete einen Sprengsatz. Er und 20 weitere Menschen starben.


Bildnachweis: © Maksim Bogodvid/Sputnik/dpa
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