21. Dezember 2023 / Allgemeines

Nostalgie - War früher alles besser?

«Früher war mehr Lametta!» - erinnert sich der Opa in Loriots «Weihnachten bei Hoppenstedts». Doch stimmt das wirklich? Wann ein bisschen Nostalgie gut tut und wo man aufpassen muss.

«Weißt Du noch...?» - Gerade zu Weihnachten schwelgen viele Menschen gerne in Erinnerungen.
Veröffentlicht am 21. Dezember 2023 um 21:36 Uhr von Irena Güttel, dpa

Das Jahresende ist auch die Zeit der Rückbesinnung. Man denkt zum Beispiel an die vielen schönen Erlebnisse des Jahres zurück, erinnert sich an die Weihnachtsfeste als die Großmutter noch lebte und wie aufregend Silvester als Kind war. Ein wenig wehmütig fühlt man sich dabei. Aber es ist auch ein wohliges Gefühl, in Nostalgie zu schwelgen. Früher schien vieles besser gewesen zu sein - und das Leben angesichts einer Welt in gefühltem Dauerkrisenmodus deutlich einfacher. Aber war das tatsächlich so? Und welche Gefahr birgt dieses Gefühl?

Um das zu beantworten, muss man zunächst klären, was Nostalgie eigentlich ist. «Nostalgie bedeutet, dass man sich nach etwas aus der Vergangenheit sehnt, das man vermisst», sagt der Historiker Tobias Becker von der Freien Universität in Berlin. Er beschäftigt sich schon länger mit der Geschichte der Nostalgie und hat gerade ein Buch dazu veröffentlicht. Nostalgie habe aber auch immer etwas Schmerzhaftes, sagt er. «Wir erinnern uns an etwas Schönes zurück, aber wir wissen, dass der Moment vorbei ist und wir ihn nicht wiederholen können.»

Nostalgie als psychologische Ressource

Kriege in der Ukraine und in Gaza, regelmäßig wiederkehrende Nachrichten über Naturkatastrophen, die Klimakrise - gerade in Zeiten von Umbrüchen schwelgten die Menschen in Nostalgie, sagt der Kölner Medienpsychologe Tim Wulf. Das könnten individuelle Veränderungen sein wie ein Job-Wechsel oder solche, die die gesamte Gesellschaft beträfen wie die Corona-Pandemie. «Nostalgie kann eine psychologische Ressource sein.» Wenn man zum Beispiel eine Prüfung bestehen müsse, dann könne man sich an Momente zurückerinnern, in denen man etwas Ähnliches bewältigt habe.

Objektiv betrachtet war in früheren Zeiten natürlich nicht alles besser. Da reicht schon ein Blick in die Geschichtsbücher. «Letztlich weiß man immer auch, wenn man nostalgisch ist, dass es nie so war, wie das, wonach man sich da gerade sehnt - dass das natürlich eine imaginierte Vergangenheit ist», sagt der Germanist Stephan Pabst von der Universität Halle, der in diesem Jahr eine Tagung organisiert hatte, bei der sich Forschende verschiedener Fachrichtungen kritisch mit Nostalgie auseinandergesetzt haben.

Wie es ausging, ist bekannt

Trotzdem habe es etwas Anheimelndes und Stabiles, sich in vergangene Zeiten zurückträumen, sagt Becker. «In unserer eigenen Gegenwart wissen wir ja nie, wie es ausgeht. Wir haben immer das Gefühl, wir leben in einer Krisenzeit.» Die Vergangenheit sei dagegen abgeschlossen, der Ausgang bekannt.

Das erklärt vielleicht auch die große Beliebtheit von Serien wie «Mad Men», «Babylon Berlin» oder «Downton Abbey». Regelmäßig kommt es zu Retro-Wellen, die vergangene Jahrzehnte in Kunst, Kultur, Mode oder Design aufleben lässt. Der Nierentisch, eigentlich ein Klassiker der 1950er, hat längst wieder einen festen Platz in den Möbelhäusern. Schlaghose, bauchfrei, Plateauschuhe - was heute in Erinnerung an die 1990er Jahre wieder angesagt ist, war damals wiederum schon an die 1970er Jahre angelehnt.

Nostalgie in der Politik

«Ich würde sagen, dass wir seit 20, 30 Jahren in einer Konjunktur der Nostalgie leben», sagt Pabst. Im Vergleich zu den späten 1990er und 2000er Jahren, in denen eine ästhetische Konsumartikel-Nostalgie im Vordergrund gestanden habe, sei die Nostalgie nun in die Politik gewandert. «Make America great again» - der Slogan von Donald Trumps Wahlkampf 2015/2016 wecke Assoziationen, dass irgendeine vergangene heile Welt wiedergeherstellt werde, sagt Pabst. «Etwas Vergangenes, das es nie gab und von dem niemand weiß, was das eigentlich gewesen sein soll.»

Wie die AfD Nostalgie in ihren politischen Botschaften einsetzt, hat Tim Wulf als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zusammen mit einem Kollegen in einer Reihe von Studien untersucht. «Da konnten wir sehen, dass die populistische Kommunikation sehr viele nostalgische Elemente hat», erläutert Wulf.

In einer Studie haben die Forscher dann Befragten eine populistische Aussage einmal in Verbindung mit Nostalgie und einmal ohne vorgelegt. «Was sich gezeigt hat, ist, dass der reine Populismus ohne die Nostalgie bei den Befragten deutlich schlechter ankommt», sagt Wulf. «Die Nostalgie wirkt wie so ein kleiner Zuckerguss, der sich da drumlegt.»


Bildnachweis: © Bernd Weißbrod/dpa
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