8. November 2022 / Allgemeines

Prozessauftakt nach Giftanschlag an TU Darmstadt

Groß war die Aufregung nach dem Giftanschlag an der TU Darmstadt im Sommer vergangenen Jahres. Jetzt ging der Prozess gegen eine Mainzerin los - auch mit Aussagen von Geschädigten.

Die Anwälte Björn Seelbach (l) und Christian Kunath auf dem Weg in den Gerichtssaal.
von dpa

Knapp 15 Monate nach einem Giftanschlag an der Technischen Universität (TU) Darmstadt hat vor dem dortigen Landgericht der Prozess gegen eine Mainzerin begonnen. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft soll die 33-jährige Deutsche versucht haben, sieben Menschen zu vergiften. Die Anklagebehörde bewertet die Tat vom August 2021 als heimtückischen versuchten Mord mit gemeingefährlichen Mitteln.

Die Staatsanwaltschaft beantragte zum Prozessauftakt, die Beschuldigte wegen paranoider Schizophrenie in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen. Die Frau soll sich von Angehörigen des Fachbereichs Materialwissenschaften an der TU verfolgt gefühlt haben.

Laut Staatsanwaltschaft war die Studentin in der Nacht zum 23. August 2021 in ein Labor am Campus Lichtwiese gegangen. Dort habe sie giftige Substanzen zusammengesucht. «Im Labor bereitete die Beschuldigte eine Lösung aus verschiedenen Chemikalien vor», sagte Staatsanwalt Ansgar Martinsohn. Darunter waren unter anderem Aceton, vergällter Alkohol und Butandiol - eine Chemikalie, die im Körper in K.-o.-Tropfen umgewandelt wird. Dieses Gemisch soll die Frau in zwei Teeküchen in ein Honigglas, Wasserfilter und angebrochene Milchtüten gegeben haben.

Kurze Zeit in Lebensgefahr

Die Lebensmittel wurden am nächsten Morgen von mehreren TU-Angehörigen konsumiert. Den Geschädigten fiel zwar recht schnell auf, dass mit ihrem Kaffee oder Tee etwas nicht stimmte, aber da hatten sie schon einen mehr oder weniger großen Schluck getrunken. Ein Geschädigter geriet für kurze Zeit in Lebensgefahr und musste im Krankenhaus behandelt werden. Einige Geschädigte schilderten vor Gericht, dass ihr Kaffee oder Tee auffällig bitter geschmeckt habe und sie dann Aceton- oder Klebstoffgeruch festgestellt hätten.

Anfang September 2021 war die Beschuldigte von der Polizei festgenommen und in eine psychiatrische Klinik in Darmstadt gebracht worden, wo eine paranoide Schizophrenie mit akustischen Halluzinationen diagnostiziert wurde. Sie habe bizarr gewirkt, sagte ein Oberarzt vor dem Landgericht und erinnerte sich an ein Pflaster, das um einen überlangen Fingernagel gewickelt gewesen sei. «Sie hatte eine Mütze dabei, in die Kupfer- und Aluminiumfolien eingenäht waren», schilderte der Mediziner.

Akustische Halluzinationen

Das habe dazu gepasst, dass sie glaubte, verstrahlt und abgehört zu werden. Die Patientin sei davon ausgegangen, dass die Stimmen in ihrem Kopf technisch und von außen induziert seien. Solch eine ominöse Technik, die aber ein Verschwörungsmythos sei, sei für Patienten mit akustischen Halluzinationen eine wichtige Erklärung, sagte der Arzt.

Der Prozess wird am Freitag (11. November) fortgesetzt. Für das Verfahren sind bislang insgesamt noch 15 Verhandlungstage bis zum 6. Februar 2023 angesetzt.


Bildnachweis: © Arne Dedert/dpa
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