5. April 2026 / Allgemeines

Was klappert da? Darum gibt es so viele Störche

Sie haben neue Nahrungsquellen gefunden und müssen nicht mehr so weit fliegen. Die einst aus dem Mittelmeerraum stammenden Störche breiten sich immer weiter aus. Sind sie überall willkommen?

Ein Weißstorch-Paar steht bei blauem Himmel in seinem Horst. Petershagen im Kreis Minden-Lübbecke gilt mit seinen zahlreichen Horsten als Storchenhauptstadt von Nordrhein-Westfalen.
Veröffentlicht am 5. April 2026 um 04:00 Uhr von Volker Danisch, dpa

An dem Mythos des Kinder bringenden Klapperstorchs gemessen, müsste Deutschland einen Babyboom erleben. Es gibt laut jüngster Bilanz vermutlich so viele Weißstörche wie noch nie. Zwar ist noch unklar, wie stark die Vogelgrippe die Population reduziert hat – Experten erwarten aber keinen Einbruch. Der Großvogel ist sehr anpassungsfähig. Seine langanhaltende Verehrung durch die Menschen und neue Nahrungsquellen etwa im Zuge der Landwirtschaft erleichtern dem Weißstorch das Leben. 

Tonnenschweres Storchennest 

Dabei sah es vor rund 35 Jahren schlecht aus. Petershagen an der Weser im nördlichen Zipfel Nordrhein-Westfalens auf der Luftlinie Osnabrück - Hannover war der letzte NRW-Zufluchtsort. «Das war um 1990, da hatten wir in ganz NRW noch drei Paar Störche. Und die waren alle hier», sagt der Vogelschützer und Autor Alfons Rolf Bense, der in dem Ort das Westfälische Storchenmuseum aufgebaut hat.

Seit wann bringt der Storch angeblich Kinder?

«Das ist nicht älter als etwa um 1700. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam der Pietismus auf, eine Wiederbelebung der strengen Frömmigkeit.» Da sei alles Fleischliche und insbesondere das Sexuelle verpönt gewesen, sagt Bense. «Mit dem Storch hat man nun eine Möglichkeit zu erklären, wie die Kinder gebracht werden» – jenseits von Sexualität.

Wie viele Störche gibt es in Deutschland?

Auf einen Abwärtstrend bis Ende der 1980er folgte ein kräftiger Anstieg: «In den letzten 10, 15 Jahren ist der Bestand vor allem Dingen in Westdeutschland sehr stark angestiegen, sodass wir heute deutschlandweit etwa 14.400 Paare haben», sagt Storchenexperte Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut des Nabu in Schleswig-Holstein. Die Zahl für 2025 sei die höchste der Statistik ab 1934. Es könne höchstens sein, dass es um 1900 noch mehr Störche gab. 

Thomsen spricht von einer «Zweiteilung» Deutschlands: In Westdeutschland ziehen die Störche meist Richtung Westen. Statt den langen kraftraubenden Flug bis nach Afrika zu absolvieren, überwinterten sehr viele schon nach einer Kurzstrecke in Frankreich, Spanien und Portugal. Entscheidend für den Storch seien ausreichende Nahrungsmengen, Wärme sei zweitrangig. Beispiel Spanien: Dort fänden Störche Futter auf Mülldeponien und Krebse in Reisfeldern. 

«In Ostdeutschland brüten vor allen Dingen ostziehende Weißstörche, die bis ins ostafrikanische Sahel und weiter bis nach Südafrika ziehen», erläutert Thomsen. Deren Zahl sei nicht gewachsen. Weil es etwa in Nordrhein-Westfalen so viele Störche wie noch nie gebe, bereiteten sich westziehende Störche Richtung Osten nach Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt aus. In Schleswig-Holstein seien es mittlerweile etwa gleich viele Ost- und Westzieher. 

Gruppendynamik bei der Zugrichtung 

«Es ist auch so, dass der Zugweg, den die Störche nehmen, nicht oder nur bedingt angeboren ist», erklärt Biologe Thomsen. Die Jungvögel zögen zwei Wochen vor ihren Eltern ab und träfen dann auf Störche, die schon mal gezogen sind. «Und diese Störche ziehen die Jungvögel dann mit auf die eigentliche Zugroute, also nach Südwesten oder nach Südosten.» 

Was bereitet dem Storch den Boden?

Laut einer Studie sind Weißstörche als echte Nutznießer durch Menschen beeinflusster Landschaftsveränderungen, insbesondere intensiver Rodungen und großer landwirtschaftlicher Flächen. «Ihr Vorteil gegenüber vielen anderen Arten war und ist, dass sie zu keiner Zeit und an keinem Ort aktiv gejagt wurden. Die Bewunderung der Menschen für Weißstörche hat es ihnen ermöglicht, sich bis heute ständig neue Lebensräume und Gebiete zu erschließen», schreiben die Autoren zu Ausbreitung in Europa. 

Wie lange lebt er schon um Umfeld des Menschen? 

Den Erkenntnissen zufolge kamen Weißstörche vor rund 2.000 Jahren ausschließlich auf dem Gebiet des Römischen Reiches vor. Die nördliche Grenze ihres Verbreitungsgebiets verlief demnach zu der Zeit entlang des Rheins und der Donau. Seit etwa 1.000 Jahren breitet sich der Weißstorch dem Szenario zufolge Richtung Nordosten in Europa aus. Die Studie basiert auf 89 Ausgrabungsstätten, an denen Überreste von Weißstörchen gefunden wurden.

Welche Rolle spielt der gute Ruf? 

«Egal wo er auftaucht und sich ausbreitet, er ist immer willkommen. Davon können andere Tierarten wie Wolf und Bär nur träumen», sagt Ulrich Schmölcke vom Leibnitz-Zentrum für Archäologie. Der Nabu-Storchenexperte Thomsen ist wie Schmölcke Mitautor der Studie.

Dass die Zahlen in Deutschland wieder deutlich stiegen, liegt aus Sicht von Thomsen neben den neuen Nahrungsquellen auch an engagierten Menschen. Das «Aktionskomitee Rettet die Weißstörche im Kreis Minden-Lübbecke», dem auch Bense angehört, konnte den Appell «Rettet die» dank der Erfolge inzwischen schon aus dem Vereinsnamen streichen.


Bildnachweis: © David Ebener/dpa
Copyright 2026, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Ihre Nachrichten fehlen auf der Gütersloh App? 

Meistgelesene Artikel

Michaeliswoche 2026: Das erwartet euch in Gütersloh
Lokalnachrichten aus Gütersloh

Vom 25. September bis 4. Oktober bietet die Michaeliswoche in Gütersloh Kirmes, Straßenkunst und ein Familienprogramm.

weiterlesen...
Straßenfiffi und verkaufsoffener Sonntag am 27. September in Gütersloh
Lokalnachrichten aus Gütersloh

Am 27. September 2026 bietet Gütersloh von 13 bis 18 Uhr Straßenkunst auf Berliner Platz und Kolbeplatz sowie einen verkaufsoffenen Sonntag.

weiterlesen...
Publikumspreis für „changes“ am Theater Gütersloh
Lokalnachrichten aus Gütersloh

Das Stück „changes“ von Maja Zade erhielt den Publikumspreis in Gütersloh.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Sturm «Isaias» kein Hurrikan mehr - trotzdem Lebensgefahr
Allgemeines

In mehreren Bundesstaaten im Süden der USA herrscht nach Ankunft von Sturm «Isaias» Ausnahmezustand. Obwohl dieser an Stärke verloren hat, werden weiterhin deutliche Warnungen ausgesprochen.

weiterlesen...
Angst vor der Spritze? Hören Sie Ihre Lieblingsmusik!
Allgemeines

Mit der Lieblingsmusik ablenken - das tun viele Menschen in unangenehmen Situationen gern. Auch wenn ein Pieks ansteht, könnte das von Nutzen sein, zeigen Tests.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Sturm «Isaias» kein Hurrikan mehr - trotzdem Lebensgefahr
Allgemeines

In mehreren Bundesstaaten im Süden der USA herrscht nach Ankunft von Sturm «Isaias» Ausnahmezustand. Obwohl dieser an Stärke verloren hat, werden weiterhin deutliche Warnungen ausgesprochen.

weiterlesen...
Angst vor der Spritze? Hören Sie Ihre Lieblingsmusik!
Allgemeines

Mit der Lieblingsmusik ablenken - das tun viele Menschen in unangenehmen Situationen gern. Auch wenn ein Pieks ansteht, könnte das von Nutzen sein, zeigen Tests.

weiterlesen...
ANZEIGE – Premiumpartner