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Zwangsarbeitern eine Geschichte geben

Zwangsarbeitern eine Geschichte geben

Auf dem katholischen Friedhof an der Bultmannstraße in Gütersloh befinden sich die Gräber von 14 Zwangsarbeitern. Die Geschichts-AG der Elly-Heuss-Knapp-Realschule möchte den dort ruhenden Frauen und Männern aus Polen, Belgien, Frankreich, Italien und weiteren Ländern nun Identität und Geschichte wieder geben. Für dieses Projekt und darüber hinaus wurde nun die bereits bestehende Bildungspartnerschaft zwischen der Gütersloher Schule, dem Stadtarchiv sowie dem Verein Heimatsucher intensiviert und um ein neues Mitglied, den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, erweitert.

Wie erging es der niederländischen Haushaltshilfe? Was war das Schicksal des kroatischen Zwangsarbeiters? Mit diesen Fragen werden sich die 22 Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgängen neun und zehn in den nächsten Monaten beschäftigen. Gemeinsam mit ihren Bildungspartnern wollen sie Informationen über das Leben der ausländischen Zwangsarbeiter während und nach dem 2. Weltkrieg sammeln. „Geschichte muss entdeckt werden“, sagt Lehrerin Katrin Geweke, die die AG betreut. „Dokumente, Fotos – jetzt heißt es ausgraben“.  Dabei können die Nachwuchshistoriker dank der Kooperation auf breite Expertise und viele Ressourcen der Bildungspartner zurückgreifen. Landrat Sven-Georg Adenauer, der als Dienstherr des Volksbundes die Bildungspartnerschaft  ebenfalls unterschrieb, freut sich über die Bildungspartnerschaft: „Das weckt bei jungen Menschen Interesse für den Volksbund und macht Geschichte lebendig – ein tolles Projekt.“

Die Geschichts-AG trifft sich einmal die Woche für zwei Stunden freiwillig und zusätzlich zum normalen Unterricht. Sie existiert seit dem Schuljahr 2012/2013 und befasst sich in jedem Jahr mit einem anderen historischen Themenkomplex. So hat die Gruppe beispielsweise mit einer selbstproduzierten Radiosendung oder einer Handy-App zu den Stolpersteinen in Gütersloh auf sich aufmerksam gemacht. Dieses Jahr geht es um die Grabmäler der europäischen Zwangsarbeiter und um die Schicksale und Leben, die dahinter stehen – für Geweke immer noch ein aktuelles Thema: „Zwangsarbeit ist weder ein altes, noch ein ausgestorbenes Phänomen. Außerdem lassen sich durchaus Parallelen zum heutigen Umgang mit Fremdheit ziehen. Für unsere Schüler heißt es: Aus vergangenen Fehlern zu lernen und die Situation heute kritisch zu hinterfragen“, erklärt die Lehrerin.

Zunächst steht für die 22 Mitglieder der AG gemeinsam mit Hanna Hittmeyer vom Volksbund ein Besuch und die gemeinsame Pflege der Grabstätten in Gütersloh an, bevor dann zu den Schicksalen geforscht wird. „Auch für mich ist das total spannend, denn auch ich weiß natürlich nicht alles über die Zwangsarbeiter. Ich freue mich schon darauf, gemeinsam mit den Schülern Neues zu erfahren“, sagt Hittmeyer.

Auch in diesem Jahr hat sich die AG wieder ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. „Wir möchten gerne auf dem Friedhof Stelen mit Informationen über das Leben der Zwangsarbeiter und Bilder von ihnen aufstellen. Das muss nicht in diesem Jahr oder im nächsten Jahr passieren, aber das ist unser Langzeitziel“, sagt Geweke. „Mal schauen, was die Schüler gemeinsam mit unseren Bildungspartnern ausgraben – vielleicht schaffen wir es ja den Gräbern eine Geschichte und ein Gesicht zu geben“.

BU: Bauen die Zusammenarbeit aus (v.l): Landrat Sven-Georg Adenauer (Dienstherr Volksbund), Hanna Hittmeyer (Volksbund), Johannes Reckendrees (Schulleiter), Katrin Geweke (Lehrerin), Vanessa Eisenhardt (Heimatsucher), Norbert Ellermann (Historiker), Stephan Grimm (Stadtarchivar).

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