10. Juni 2026 / Lokalnachrichten Ostwestfalen

Fußball-WM 2026: Landesfachstelle warnt vor Sportwetten-Risiken

Die Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW fordert Maßnahmen zum Schutz vor den Risiken der Sportwetten-Werbung.

Fußball-WM 2026: Landesfachstelle warnt vor Sportwetten-Risiken
von SD

Mit dem Start der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 beginnt eine der intensivsten Phasen für Sportwetten-Werbung in Deutschland. Die Landesfachstelle Glücksspielsucht in NRW warnt vor den besonderen Risiken, die mit der massiven Werbepräsenz und der zunehmenden Verflechtung von Sport und Glücksspiel verbunden sind – und fordert politisches Handeln zum Schutz vulnerabler Gruppen.

Sportwetten sind Glücksspiel – auch zur WM Sportwetten werden in der Öffentlichkeit häufig als sportnahe Freizeitbeschäftigung wahrgenommen. Tatsächlich handelt es sich um Glücksspiel mit denselben Suchtmechanismen wie andere Glücksspielprodukte. „Das Besondere an Sportwetten ist, dass sie sich durch ihre enge Verzahnung mit dem Sport besonders harmlos anfühlen", erklärt Verena Küpperbusch, Leiterin der Landesfachstelle. „Das Gefühl von Kontrolle und Kompetenz durch Fußballwissen ist Teil des Produktdesigns – kein realer Schutz." Besonders riskant sind Live-Wetten, die während laufender Spiele in Echtzeit auf nahezu jede Spielsituation platziert werden können. Ihr hohes Tempo, die emotionale Intensität des Sports und die ständige Verfügbarkeit über Smartphone-Apps erhöhen das Risiko für impulsive Entscheidungen und das sogenannte Verlustnachjagen – einen zentralen Mechanismus bei der Entstehung von Glücksspielsucht.

Neue Dimension der Verflechtung: Wetten und Sportkonsum verschmelzen Die WM 2026 markiert eine neue Eskalationsstufe in der Verzahnung von Sport und Glücksspiel. Zur Weltmeisterschaft werden Spiele teilweise über Plattformen von Sportwettanbietern zugänglich gemacht. Sportwettenanbieter treten als Partner von Sportförderorganisationen auf. Die Werbebotschaft der Branche lautet dabei zunehmend: Nur wer wettet, kann auch richtig mitfiebern. „Diese Botschaft ist nicht nur irreführend – sie zielt darauf ab, Sportwetten als selbstverständlichen emotionalen Mehrwert des Fußballschauens zu positionieren", betont Küpperbusch. „Wer heute Fußball schaut, soll morgen wetten. Das hat mit Spielerschutz nichts zu tun." Besonders problematisch ist dabei die Situation von Minderjährigen und anderen vulnerablen Gruppen: Sie sind der Werbung nahezu schutzlos ausgesetzt – auf Bildschirmen, in Stadien und in sozialen Medien. Die Landesfachstelle Glücksspielsucht schließt sich der Einschätzung des bundesweiten Bündnisses gegen Sportwetten-Werbung an, das anlässlich der WM 2026 ausdrücklich vor dieser Entwicklung warnt.

Strukturelles Ungleichgewicht: Werbung contra Prävention Das Verhältnis zwischen den Werbebudgets der Sportwettenindustrie und den öffentlichen Mitteln für Prävention und Beratung ist eklatant unausgewogen. Während Wettanbieter massiv in den WM-Kontext investieren, steht dem ein strukturell unterfinanziertes Präventionssystem gegenüber. Dieses Ungleichgewicht bestimmt maßgeblich, welche Botschaften Menschen zur WM erreichen – und welche nicht. Besonders gefährdet sind junge, sportaffine Männer zwischen 18 und 35 Jahren: Sie werden von der Werbebranche präzise adressiert, von klassischer Suchtprävention aber kaum erreicht. Turnierphasen wie die WM sind für diese Gruppe Hochrisikophasen – erhöhter Werbedruck, tägliche Spielmöglichkeiten und emotionale Intensität treffen zusammen.

Forderungen der Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW Die Landesfachstelle Glücksspielsucht fordert anlässlich der WM 2026 politisches Handeln in vier Bereichen:

Sportwetten-Werbung konsequent begrenzen: Die bestehenden Regelungen im Glücksspielstaatsvertrag müssen konsequent angewendet und weiterentwickelt werden. Werbung, die sich an junge Zielgruppen richtet, Minderjährige erreicht oder Sportwetten als emotionalen Bestandteil des Sportkonsums inszeniert, muss stärker reguliert werden. Die wachsende Verflechtung von Wettangeboten mit Streaming- und Sportplattformen ist dabei dringend zu adressieren.

Unabhängigen Finanzierungstopf einrichten: Die Landesfachstelle fordert die Einrichtung eines unabhängigen Fonds, in den alle lizenzierten Glücksspielanbieter verpflichtend einzahlen. Die Mittel müssen unabhängig von Haushaltszyklen und Anbieterinteressen verwaltet und zweckgebunden für Prävention, Beratung und unabhängige Forschung eingesetzt werden. Vergleichbare Modelle existieren bereits im Vereinigten Königreich und belegen die Wirksamkeit dieses Ansatzes.

Beratungsinfrastruktur in NRW dauerhaft sichern: Beratungsstellen für Glücksspielsucht sind ein zentraler Bestandteil des Spielerschutzsystems. Ihre Finanzierung muss langfristig und verlässlich gesichert sein – unabhängig von kurzfristigen Haushaltsentscheidungen.

Vollzug stärken: Die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben ist keine freiwillige Zusatzleistung der Anbieter, sondern deren rechtliche Pflicht. Zuständige Aufsichtsbehörden müssen mit ausreichend Ressourcen ausgestattet sein, um Verstöße gegen Werberegeln wirksam zu ahnden und illegale Angebote konsequent zu verfolgen.

Prävention vor Ort: Alltagsnähe ist entscheidend Wirksame Prävention erreicht Menschen dort, wo sie sind – in Bars, Sportcafés, Fanmeilen und digitalen Räumen. Die Landesfachstelle Glücksspielsucht und die landesgeförderten Beratungsstellen in NRW setzen daher auf alltagsnahe Ansprache und niedrigschwellige Information während der gesamten WM-Laufzeit. „Wir wollen keine Stimmung machen und niemandem den Fußball verderben", betont Küpperbusch. „Wir wollen, dass Menschen informiert ins Turnier gehen – und wissen, wo sie Unterstützung finden, wenn sie sie brauchen."

Hilfe ist erreichbar – vertraulich und kostenlos Menschen, die bemerken, dass ihr Wettverhalten während der WM problematisch wird, finden bei den Beratungsstellen in NRW vertrauliche und kostenfreie Unterstützung. Auch Angehörige können sich jederzeit an die Beratungsstellen wenden – unabhängig davon, ob die betroffene Person selbst bereits Hilfe sucht. Informationen, ein anonymer Selbsttest und Kontaktdaten regionaler Beratungsstellen sind verfügbar unter: www.ausgezockt.de

Über die Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW Die Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW ist die zentrale Fachstelle für Prävention, Beratung und Information zum Thema Glücksspielsucht in Nordrhein-Westfalen. Sie unterstützt Fachkräfte, Beratungsstellen und die allgemeine Öffentlichkeit mit Informationen, Materialien und Fortbildungsangeboten. Die Landesfachstelle arbeitet unabhängig von Glücksspielanbietern und ist dem Spielerschutz verpflichtet.

Diese Pressemitteilung steht zur freien Verwendung. Bei Rückfragen und Interviewanfragen steht die Landesfachstelle Glücksspielsucht NRW gerne zur Verfügung.

Hinweis für die Redaktion Auf Anfrage stehen zur Verfügung: Expertenstatements und Interviewpartner*innen zu Sportwettensucht, Prävention und Regulierung Hintergrundbeitrag: „Sportwetten zur Fußball-WM 2026 – Zwischen Begeisterung und Risiko" Daten und Studienlage zur Suchtgefahr von Sportwetten und Live-Wetten Informationen zum Podcast „Ausgezockt" der Landesfachstelle (Staffel 1: Sportwetten-Sucht; ab Ende Juni neu Staffel 3: Trading) Stellungnahme der Landesfachstelle zu den Forderungen des Bündnisses gegen Sportwetten-Werbung

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