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Adventskalender: Türchen 8

Wir wünschen Euch einen frohen zweiten Advent mit dieser Adventsgeschichte.

"Alte Bekannte"

„Wir kennen uns“, sagte der Mann mit der ledernen Aktentasche zu der jungen Frau, die auf dem Weihnachtsmarkt ihre selbstgemachten Handarbeiten verkaufte. Sie schaute überrascht, aber nicht unfreundlich zu ihm auf.
„Das muss ein Irrtum sein“, sagte sie und rieb sich ihre kalten Hände. „Sie müssen mich verwechseln.“
Der Mann lächelte. Er trug einen edlen dunklen Mantel, dazu schwarze Lederhandschuhe und einen Hut. Er sah elegant und wohlhabend aus. Sehr wahrscheinlich, dass er sich einen Scherz mit ihr erlauben wollte, weil – ja, weil er reich war und reiche Menschen doch immer glaubten, dass ihnen die Welt offenstand.

„Es stimmt, dass ich mir Namen sehr schlecht merken kann, aber Gesichter vergesse ich nicht. Schon gar nicht Ihr Gesicht“, sagte er.
Versuchte er etwa, sie um den Finger zu wickeln? Es war nicht nur dreist, sondern auch sehr rücksichtslos von ihm, doch es würde ihm nicht gelingen, sie aus der Fassung zu bringen. Es war schon schwer genug, die Handarbeiten an die Leute zu bringen, da kam es auf jeden potentiellen Käufer an. Sie brauchte das Geld. Sie brauchte es sehr. Die Miete bezahlte sich nicht von selbst, ganz zu schweigen von den Weihnachtsgeschenken, auf die ihre beiden Kleinen schon sehnsüchtig warteten. Sie hatte die Briefe gelesen, die sie an den Weihnachtsmann geschrieben hatten, mit ihrer zu groß geratenen, unförmigen Kinderschrift. Sie hatten so viel Herzblut hineingesteckt und sich mit jedem Buchstaben abgemüht. So wichtig war es ihnen, ihre Wünsche aufs Papier zu bringen.

„Suchen Sie ein schönes Weihnachtsgeschenk? Vielleicht für Ihre Frau?“, wechselte sie hastig das Thema. „Die Weihnachtskugeln sind handbemalt, die Socken selbstgestrickt.“
Der Mann ließ seinen Blick über die Auswahl gleiten und nickte anerkennend.
„Es war damals um die Weihnachtszeit“, setzte er wieder an, „als wir uns zum ersten Mal begegnet sind...“
„Hören Sie -“, fuhr sie dazwischen, doch er fuhr fort:
„Sie waren ein kleines Kind und ich ein Bettler, der hungrig am Bürgersteig saß und von niemandem Aufmerksamkeit bekam, außer von Ihnen. Es macht nichts, dass Sie sich nicht erinnern können. Aber ich erinnere mich, wie Sie an der Seite Ihrer Mutter standen, die in ein Gespräch verwickelt war. Wie Sie zu mir herübersahen, ohne Scheu, ohne Abscheu zu empfinden, weiß ich noch genau, und wie Sie sich dann heimlich davongeschlichen haben, um mir ein Geldstück in meinen leeren Becher zu werfen. Es war das erste Geldstück an diesem Tag und ich wusste sofort, dass es ein besonderes sein musste. Um mein Glück war es nicht gut bestellt, aber ich wollte es einmal auf die Probe stellen. Auch weil schließlich Weihnachten war und ein Teil von mir noch immer an Wunder glaubte. Also habe ich das Geldstück genommen und es in ein Los investiert.“ Seine Reaktion auf ihren Blick war ein herzliches Lachen.

„Sie glauben, Sie wissen was jetzt kommt? Nein, gewonnen habe ich natürlich nicht. Das wäre doch wirklich zu schön um wahr zu sein und das Leben ist schließlich kein Film, aber es hat so einige Überraschungen zu bieten. Reich wurde ich nicht an jenem Abend, aber die Losverkäuferin hatte Mitleid mit mir. Sie sah ja, in welchem armseligen Zustand ich mich befand und sagte gleich, am Weihnachtsabend sollte niemand hungrig und allein sein. Also lud sie mich zum Essen ein. Es war ein karges Mahl und zugegeben, sie war keine gute Köchin und ist es auch heute nicht, aber eine ganz wundervolle und herzliche Frau ist sie. Sie hat sich als mein Weihnachtswunder herausgestellt. Und das Geldstück, das mir das kleine Mädchen heimlich in meinen Becher geworfen hatte, hat uns zueinander gebracht. Wir verliebten uns, standen uns bei, ermutigten einander und fanden schließlich beide bessere Arbeit und ein besseres Heim.
Ein paar Jahre später bekamen wir ein Kind – eine Tochter, mein Segen und Glück. Sie wurde groß, bildschön und talentiert. Und wenn ich Sehnsucht nach ihr habe, weil sie nicht immer bei mir sein kann - weil nämlich die ganze Welt zu ihrem Zuhause geworden ist-, brauche ich nur ins Kino zu gehen oder den Fernseher einzuschalten, um sie zu sehen.
Sehen Sie, mir mangelt es an nichts, und ich bin jeden Tag dankbar dafür, dieses Leben führen zu dürfen. Doch ein Gedanke hat mir bislang keine Ruhe gelassen: Was wohl aus dem kleinen Mädchen geworden ist, habe ich mich unentwegt gefragt und mir geschworen, mich eines Tages bei ihr erkenntlich zu zeigen.“

Er griff in seine Aktentasche und nahm einen Briefumschlag heraus, den er der jungen Frau reichte.
„Was soll das?“, fragte sie, öffnete den Umschlag und entnahm ihm einen Scheck. Die Summe darauf ließ sie fassungslos nach Luft schnappen.
„Ich kann das nicht annehmen“, sagte sie.
„Natürlich können Sie. Es ist ein Weihnachtsgeschenk“, sagte der Mann. „Und wo ich schon dabei bin: Ich kaufe die Kugeln. Ich nehme diese und diese und die … ach was, ich nehme sie alle mit. Sie machen sich ganz sicher wunderbar auf unserem Weihnachtsbaum.“

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