18. April 2024 / Lokalnachrichten aus Gütersloh

Subkultur in kommunaler Trägerschaft

Exklusiv-Interview mit Weberei-Chef Steffen Böning

von Markus Corsmeyer aus der gt!nfo (Ausgabe April 2024)

Die Bürgerkiez-Gesellschaft ist unter der Führung von Steffen Böning im elften Jahr für den Betrieb des Sozialkulturzentrum „Die Weberei“ verantwortlich. Zum Frühjahr 2026 hat die Gesellschaft den Mietvertrag für das Gebäude mit der Stadt Gütersloh gekündigt. Exklusiv im gt!nfo erklärt Steffen Böning die Hintergründe. 

Habt ihr die Nase voll und schmeißt hin?
Nein, ganz im Gegenteil. Unser Verständnis von umsichtiger Geschäftsführung hat eben genau kein Hinschmeißen zum Ziel. Viel mehr das rechtzeitige Aufzeigen und mögliche Korrigieren von Schieflagen. Gerade um niemanden in die Situation des Hinschmeißens zu bringen, haben wir als Experten vor Ort mit langem Vorlauf gesagt, dass ein Kulturzentrum in der aktuellen Größenordnung unter den derzeitigen Bedingungen keine erfolgreiche Zukunft in Gütersloh haben kann. 

Warum funktionierte das 11 Jahre und jetzt auf einmal nicht mehr?
Zum einen weisen wir schon viele Jahre darauf hin, dass das 80er-Jahre-Modell, das dem Weberei-Konstrukt in Gütersloh leider immer noch zugrunde liegt, nicht mehr zeitgemäß ist. Es besagt, dass ein Großteil der Mittel für den Sozial- und Kulturbetrieb selbst durch Erlöse im Gastronomiebereich erwirtschaftet werden müssen. Mit Waffeln, Bratwürstchen und Bier konnte man seinerzeit wunderbar ein Clubheim, einen Förderverein oder auch ein Kulturzentrum querfinanzieren. Aber mittlerweile streichen selbst Gastronomen, die ihre Gewinne mit nach Hause nehmen dürfen und nicht in die Kulturarbeit der Nachbarabteilung stecken, vermehrt die Segel. Preiserhöhungen, Fachkräftemangel und knappere Budgets tun ihr Übriges dazu. Was wir in Gütersloh in der Weberei mit circa 8.000 Euro Netto-Förderung pro Monat auf die Beine stellen, ist enorm. Ich keine keinen Experten, der davor nicht den Hut zieht, auch wenn jeder persönlich natürlich immer noch individuelle Zusatzwünsche ans Programm hat. Die vielen zehntausende Euro, die für unsere Angebote jeden Monat zusätzlich notwendig sind, können einfach perspektivisch nicht allein auf den Rücken und dem Risiko eines privaten Betreibers verlagert werden. So viel Geld ist mit Pizza und Cola leider nicht mehr zu verdienen. 

Deshalb habt ihr gekündigt?
Das Fass zum Überlaufen gebracht hat die sehr kurzfristig abgesagte Gebäudesanierung. Wir haben daher den Mietvertrag mit der Stadt kündigen müssen. Seit unserer Übernahme des Zentrums im Jahre 2013 ist bekannt, dass gerade im Küchenbereich technische Sanierungen notwendig sind. Dabei geht es im Lüftungsleitungen, Kühlsysteme, Klimatisierungen usw. Das sollte nun nach diversen Anläufen ganz verbindlich ab Januar 2024 angegangen werden. Mit der Folge, dass die fast einjährige Baustelle im Erdgeschoss der Weberei, gravierende Umplanungen bei Events, Personal, Programm usw. erforderte. Das war viel Arbeit mit zum Teil bitteren Konsequenzen. Als den Dezernenten der Stadt Gütersloh dann wenige Tage vor Baubeginn einfiel, dass die Maßnahmen gar nicht starten werden, war die Katastrophe groß. Bis heute wissen wir nicht offiziell, ob und ggf. wann die Sanierung vorgenommen wird. Das macht eine seriöse Planung und das gewissenhafte Beschäftigen von Menschen unmöglich. Und mit leeren Versprechungen und auf Basis von halbgaren Infos so ein großes Geschäft mit mehr als hundert Mitarbeitenden zu betreiben, entspricht nicht unserem Vorgehen. Da erkennen manche Beamten im Rathaus glaube ich nicht die Bedürfnisse von Menschen, die in der freien Kulturszene arbeiten. Daher mussten wir kündigen, um nicht mit offenem Visier in völligem Planungsvakuum vor die Wand zu fahren. 

Aber die Stadt hat doch großzügig angekündigt, Schäden die aus dem Bauverzug entstehen, zu begleichen.
Ja, das Spiel kennen wir leider auch schon zu genüge. Als Corona kam und niemand wusste, wie es mit der Kultur weiterging, fragten wir bei der Stadt nach einer Notfallbürgschaft, falls die Weberei in eine Schieflage geraten sollte. Wieder unser Vorgehen: Verantwortung für Menschen und die Zukunft schaffen. So eine Zusage hat die Weberei trotz vieler Lippenbekenntnisse, Rechnungen und Meetings leider nie erhalten, während viele andere kommunale Einrichtungen Unterstützung erhielten. Der Bürgerkiez hat sie im Endeffekt auch nicht benötigt und sich selbst professionell durch diese schwere Zeit manövriert. Aber es zeigt die kommunale Sicht auf freie Träger hier vor Ort. Zudem ist es recht herausfordernd, mit Menschen, die nicht in er Lage sind eine 11-monatige Baustelle ordentlich zu planen und zu kommunizieren und darüber hinaus sehr wenig Ahnung von Gastronomie und privater Kultur haben, über Schäden durch entgangenen Umsatz zu diskutieren. Das kann sich jeder kompetente Kaufmann sicher gut vorstellen. Bislang haben wir auf jeden Fall noch keinen Cent Schadensersatz gesehen, obwohl wir im Vertrauen darauf unsere volle Miete für das Gebäude weiterzahlen. Das sind vertraglich immerhin ca. 150.000 Euro pro Jahr. 

Wollt ihr denn weitermachen?
In dem absolut kaputten Gebäude macht das keinen Sinn. Jede Woche kommen neue Verfallerscheinungen hinzu. Über die Energetik der Weberei bei den aktuellen Energiepreisen wollen wir mal gar nicht sprechen. Veraltete Fluchtwege, fehlende Nutzungskonzepte des Vermieters, Brandschutzprobleme, Wasserschäden usw. kreisen den natürlichen Verfall des Zentrums nach 40 Jahren intensiver Nutzung weiter ein. Durch meine Vorstandsarbeit im Landes- und Bundesverband der sozialkulturellen Zentren kenne ich viele andere Häuser und deren Finanzierung und Verantwortung für Immobilien. Da uns eine gute Zukunft der Weberei für Gütersloh am Herzen liegt, haben wir immer angeboten, unsere Vorschläge weiterzugehen und sie ggf. auch selbst oder mit anderen umzusetzen. Ob das angenommen wird oder ob Verwaltungsbeamte meinen, so ein Zentrum besser führen zu können, werden wir sehen. 

Wäre eine städtische Trägerschaft für die Weberei nicht einfacher?
Subkultur und freie Szenen können per Definition nicht städtisch sein. Damit würden sie ihren Status als unbequeme, kreative, basisgetriebene und schlagkräftige Einheiten verlieren. Nicht ohne Grund werden viele erfolgreiche Kitas, Jugendeinrichtungen und Kulturzentren von freien, privaten Trägern und nicht von den Kommunen verantwortet. Ein kommunaler Betrieb würde, das zeigen alle Erfahrungen, zudem die Kosten exorbitant verteuern und gleichzeitig die Attraktivität für Nutzer und Gäste massiv mindern. Gütersloh hat mit Einrichtungen wie Theater, Stadthalle und GT-Marketing schon ein breites städtische Veranstaltungsangebot. Und das, obwohl Gütersloh viele privat- und vereinsgetriebene Kulturakteure zu bieten hat. Meiner Meinung nach sollte man diese stärken und ihnen nicht steuerfinanzierten Wettbewerb entgegenstellen. 

Was wünscht du der Weberei?
Die Menschen, die wie meine Eltern vor 40 Jahren gegen den Abriss und für die Einrichtung eines Bürgerzentrum gekämpft haben, wollten ein Zentrum von Bürgern für Bürgern schaffen. Bis heute ist das bei allen Schwierigkeiten weitestgehend gelungen. Darauf kann man stolz sein. Viele Zentren in Deutschland haben diesen Weg nicht so lange überstanden. Häufig endete deren Zeit übrigens, als sich Kommunen in den Betrieb eingemischt haben. Ich wünsche mir für alle Gütersloher, dass die Weberei weiterhin privat, frech, wild, bunt und kreativ fortbestehen kann, ohne immer am Existenzminimum finanziert zu werden. Das geht irgendwann zu Lasten von Mitarbeitenden und Künstlern. Was gute Kultur kostet, sehen wir an den Millionenbudgets für unser tolles Theater, in das ich übrigens sehr gerne gehe, und die Stadthalle.

Was muss also anders werden?
Neben der Weberei mache ich mir Sorgen um bürgerschaftliches Engagement in Gütersloh. Viele Weberei-Vorgänger haben Pleiten hingelegt und wurden vom Hof gejagt. Meinst von Menschen, die selbst in ihrem Leben noch keinen einzigen Euro in der freien Wirtschaft verdient haben. Das einzigartige Jugendkulturring-Abo, das für Gütersloh jahrzehntelang über die Grenzen hinaus strahlte, ist ein guten Beispiel, was mit freien Initiativen geschieht, wenn sie verstädtischt werden sollen. Wir ziehen uns mit langem Vorlauf und in bester Ordnung aus dem kaputten Gebäude zurück. Auch so ein umsichtiges Verhalten wird jedoch teilweise noch torpediert. Was soll ich einem jungen Menschen raten, warum er sich in Güterslohs Kulturszene engagieren sollte? Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem JKR, der Weberei, aber auch anderen Ideen in den Bereichen privater Museen oder Musikinitiativen, fällt mir das leider schwer. Und wenn wir Menschen den Mut und die Kraft nehmen, sich ohne unkündbarem Beamtenjob für die Stadtgesellschaft zu engagieren, verlieren wir eine der wichtigsten Säulen der Zukunft unserer Stadtentwicklung.

Bildunterschrift: Weberei-Chef Steffen Böning.
Foto: Die Weberei

→ Auszug aus der gt!nfo (Ausgabe April 2024)

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