10. Juli 2023 / Partner News

„Was immer schon ein Problem war, hat sich verstärkt“

Mit Visitenkarten lädt die Familienberatung Jugendliche zur direkten Kontaktaufnahme ein

Ob Stress in der Schule, Liebeskummer oder Mobbing: Mit rund 500 „Visitenkarten“ will die Familienberatung der Diakonie Gütersloh Kinder und Jugendliche dazu bewegen, bei großen und kleinen Problemen direkt Kontakt zu den Mitarbeitenden der Beratungsstelle aufzunehmen für ein Coaching und „Deep Talk“, sprich tiefer gehende Gespräche. Vertraulich, kostenlos, schnell und auf Wunsch auch anonym.

Dazu nehmen die Berater:innen Kontakt zu Schulen, Vereinen oder auch Konfirmanden-Gruppen auf, um die Karten bekannt zu machen und zu verteilen. Das Ziel der Aktion: „Wir wollen die jungen Menschen auffangen, bevor sich etwas verfestigt und bevor psychische Probleme zum Dauerzustand werden“, betont Svea Johannsmeier, Leiterin der Familienberatung. Denn was immer schon ein Problem gewesen sei, habe sich seit der Corona-Zeit verstärkt, so die Diplom-Pädagogin und Systemische Therapeutin (DGSF). Dies habe unter anderem mit den vielen gleichzeitig auftretenden Krisen zu tun, wie Krieg und Klimawandel. Stichworte auf der Rückseite der Visitenkarte zeigen, worum es geht. Das Spektrum reicht von „Freund:innen“ über „Zukunft“ bis hin zu „Cyber-Mobbing“. Das Team von der Familienberatung hat die Liste zusammen mit Jugendlichen erarbeitet.

Im Interview erläutert Svea Johannsmeier gemeinsam mit ihrem Kollegen Marvin Hirch die Hintergründe.

Wie sind Sie auf die Idee mit den Visitenkarten gekommen?
Svea Johannsmeier: „Wir möchten den Jugendlichen etwas Ansprechendes an die Hand geben. Denn wenn sie hören „Familienberatung“ oder „Erziehungsberatung“, dann kommen sie nicht unbedingt darauf, dass wir ihnen direkt helfen können.

Viele Menschen fragen sich: Was ist los mit unserer Jugend? Haben Sie eine Antwort darauf?
Svea Johannsmeier: Generell lässt sich sagen: Die vielen Krisen hinterlassen Spuren bei den Jugendlichen. Was irgendwann ein Problem war, hat sich verstärkt. Das erleben wir in der direkten Arbeit mit den Familien, aber auch täglich mit den Kindern und Jugendlichen. Das fängt an bei Lernschwächen oder der Tatsache, dass die Motorik bei den kleineren Kindern nicht so gut entwickelt ist. Man merkt einfach, dass über einen langen Zeitraum Bewegung gefehlt hat. Und es geht weiter bis zu allem, was mit psychischer Gesundheit zu tun hat, also Ängste, Zwänge, Sucht, Traurigkeit ...

Sind das alles unmittelbare Folgen der Corona-Zeit?
Marvin Hirch: Nein, es ist nicht nur Corona, sondern es beruht auf verschiedenen gesamtgesellschaftlichen Krisen, die jetzt zusammenkommen. Aber es ist schon so: Kinder und Jugendliche waren zwei bis drei Jahre fast nur Zuhause. Und je nachdem, in welchem Umfeld sie dort lebten, waren sie auch mehr oder weniger isoliert. Manche drifteten ab in eine digitale Welt mit hohem Suchtpotenzial. Auch heute noch haben wir es mit vielen Jugendlichen zu tun, die sozusagen kaum noch aus dem eigenen Zimmer kommen....

Svea Johannsmeier: Bedingt durch die langanhaltenden Schul- und Kita-Schließungen konnten Kinder und Jugendliche einige wichtige Entwicklungsschritte nicht gehen. Das ganze Soziale, das Emotionale, das man in der Gruppe erlebt, das hat gefehlt. Es fehlte in dieser Zeit, sich mit Gleichaltrigen auseinanderzusetzen. Durch Homeschooling sind auch wichtige Lern- und Tagesstrukturen für die Kinder und Jugendlichen weggefallen.

Welche Altersgruppen sind besonders betroffen?
Marvin Hirch: Ich würde sagen: alle, nur auf unterschiedlichen Ebenen. Ob es die Eingewöhnung in die Grundschule war, ob der Spaß in der Abiturzeit auf der Strecke blieb, das Rausgehen – das ist ganz unterschiedlich. Auch Kleinkindern, die in der Coronazeit geboren wurden und kaum Kontakte außerhalb ihrer Familie hatten, fällt die Eingewöhnung in der Kita schwer.

Konnten und können Eltern etwas von dieser Belastung auffangen?
Svea Johannsmeier: Teilweise schon. Viele Eltern haben Ressourcen, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Aber wir erleben auch sehr viele Mütter und Väter, die unglaublich verunsichert und selbst psychisch belastet waren und sind, sei es wegen der Corona-Zeit und ihrer Folgen, aber auch wegen des Kriegs in der Ukraine, wegen Umwelt-Katastrophen... Das spiegelt sich bei den Kindern wider: Häufig finden sie dann keinen Halt und sie sind ebenfalls stark verunsichert.

Marvin Hirch: Manchmal geht die Verunsicherung der Eltern soweit, dass sie sich nicht mehr trauen und/oder keine Kraft mehr haben sich mit ihren Kindern im Alltag im Konfliktfall auseinanderzusetzen und auch mal „Nein“ zu sagen. Dies führt zusätzlich zu Schwierigkeiten.

Svea Johannsmeier: Es gibt einfach sehr viele Extreme. Während der Coronazeit sind in Familien auf ganz unterschiedlichen Ebenen Überforderungssituationen entstanden. Alles, was sich bei persönlichen Schwierigkeiten, familiären Konflikten, beengten Wohnsituationen entlastend auf Familiensysteme auswirkt, wie zum Beispiel ein soziales Netzwerk, Großeltern, die mal die Kinder betreuen, Freizeitgestaltung, ist neben den Schul- und Kitaschließungen plötzlich weggefallen. Eltern, Alleinerziehende waren isoliert. Besonders schlimm ist dabei, dass Gefährdungen wie Vernachlässigung, Gewalt in Familien und gegenüber Kindern durch die Schließungen der Institutionen nicht oder erst später aufgefallen sind, und Hilfen für die Kinder und die Familien oft erst sehr spät eingeleitet werden konnten. All diese Auswirkungen auf Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene, Alleinerziehende, Eltern und Familien sind für uns durchgängig in unseren Arbeitsbereichen spürbar.

Wenn Jugendliche sich direkt bei Ihnen melden: Reden sie dann erst „um den heißen Brei“ herum oder fallen sie gleich mit der Tür ins Haus?
Svea Johannsmeier: Bei Themen, die sehr mit Schuld und Scham besetzt sind, wie Selbstverletzung oder sexualisierte Gewalterfahrungen, kann es ein, dass erst einmal andere Themen benannt werden; „Liebeskummer“ oder „Stress mit den Eltern“ zum Beispiel. Zunächst geht es ja darum, den Ansprechpartner zu checken. Und wenn Vertrauen besteht – manchmal erst nach zwei bis drei Gesprächen –, dann kommen die eigentlichen Schwerpunkte auf den Tisch. Das können Selbstverletzungen sein. Ich habe es zurzeit mit einigen jungen Frauen zu tun, die sich ritzen, die unter erheblichem Druck stehen. Auch das Mobbing unter Jugendlichen, besonders unter Mädchen an den Schulen hat aus unserer Sicht zugenommen. Extreme Schimpfwörter zu nutzen gehört auch dazu.

Mobbing unter Mädchen? Warum verzeichnen Sie gerade hier einen Anstieg?
Svea Johannsmeier: Die Gründe sind vielschichtig. Natürlich hat es mit hoher Konkurrenz zu tun. Das war immer schon anders als bei Jungs. Es hat sicherlich auch mit diesem Körperkult zu tun und mit den Algorithmen in den Sozialen Medien, die dafür sorgen, dass die Mädchen permanent beschallt werden mit unrealistischen Körperbildern. Ich glaube auch, weil es schwerer geworden ist, echte Freundschaften zu knüpfen dadurch, dass die Mädchen so lange so viel in der digitalen Welt unterwegs waren und sind. Allerdings hat der Druck auf Jungen oder geschlechtsunabhängig insgesamt auf Jugendliche, u.a. in Bezug auf den eigenen Körper, ebenfalls durch all diese Faktoren enorm zugenommen

Marvin Hirch: Zudem sind Beziehungsstrukturen sehr schnelllebig geworden. Mal ist jemand der größte Feind oder die größte Feindin und kurz darauf dreht sich die Situation. Das Thema Mobbing fällt außerdem mehr auf und wird eher nach außen getragen. Weil es einfach ist, eine Person zu beleidigen, die Szene kurz aufzunehmen und in den Klassenchat zu stellen.

Das passiert?
Marvin Hirch: Ja, absolut. Es gibt hier immer wieder Jugendliche, die uns zeigen, dass sie von mehreren Leuten angegangen wurden. Da geht es um eine Rolle, ein Standing, um gruppendynamische Prozesse. Es bilden sich auch Klassenchats, die Andere ausgrenzen.

Svea Johannsmeier: Das kommt bei Elterngruppen übrigens genauso vor. Konflikte werden nicht mehr im wahren Leben ausgetauscht, sondern über Messenger- Dienste. Ich glaube, in der echten Welt wären die Jugendlichen und auch die Erwachsenen nicht dazu in der Lage, sich derart gegenseitig anzugehen.

Inwieweit können Eltern noch Einfluss darauf nehmen, wie viel Zeit ihre Kinder im Netz verbringen und was sie dort sehen?
Marvin Hirch: Das Internet ist eigentlich nicht mehr kontrollierbar. Es gibt die kreativsten Wege, Beschränkungen durch die Eltern zu umgehen. Da gibt es Zweit- und Dritthandys und Zweit-Tablets in den Schubladen. Es ist ein so großer, kaum fassbarer Bereich. Egal, in welchem Alter ich mich befinde: Wenn ich den richtigen Suchbegriff eingebe, kann ich mir von pornografischem Material bis hin zu Gewaltvideos alles ansehen. Das muss nicht einmal bewusst geschehen. Wenn ich zum Beispiel als Grundschüler für ein Referat zum Thema „Nacktschnecken“ den Suchbegriff „nackte Schnecke“ eingebe, dann brauche ich nicht lange zu überlegen, was gezeigt wird. Umso wichtiger ist es sich als Eltern mit Themen aus der digitalen Welt auseinanderzusetzen, versuchen offen für die Themen der Jugendlichen zu sein, Gefahren zu erkennen und zu thematisieren und sich im Bedarfsfall Beratung zu holen.

Zurück zur Familienberatung: Wie sicher können sich Jugendliche fühlen, die über ihre Sorgen sprechen möchten.
Svea Johannsmeier: Bei uns finden sie einen geschützten Raum. Wir würden nie Informationen weitergeben, es sei denn, es geht um Kindeswohlgefährdung oder Selbstgefährdung. Das sagen wir auch immer vor Beginn der Gespräche.

Gibt es Probleme, die zu klein für Sie wären?
Svea Johannsmeier: Nein, auf keinen Fall. Wir nehmen jedes Thema an, das die Jugendlichen mitbringen. Und wir nehmen die Jugendlichen so an, wie sie sind und wie sie sich uns zeigen möchten. Wir sind ein multiprofessionelles Fachkräfteteam und darin ausgebildet, durch unsere Art, Fragen zu stellen und erlernte Methoden und Techniken einzusetzen, die Jugendlichen bestmöglich zu unterstützen und Lösungen für ihre Probleme zu finden. Unser Ziel ist sozusagen die Hilfe zur Selbsthilfe.

Beispiel Essstörungen: Wie kommen Sie an die jungen Menschen heran?
Svea Johannsmeier: „Essen“ ist eins von vielen Themen, die die Jugendlichen mitbringen. Im Grunde genommen ist es bei jedem jungen Menschen ein Thema. Wir schauen dann: Lässt sich das abpuffern oder müssen wir intervenieren? Essstörungen sind ja nicht unser Spezialgebiet. Und je nachdem, wie akut das ist, würden wir auch handeln und das Thema in andere Hände geben. Also dann, wenn beispielsweise ärztliche, psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfen notwendig sind.

Marvin Hirch: Essstörungen tauchen ja nicht aus dem Nichts auf. Es gibt immer einen oder mehrere Auslöser.

Was tun Sie, wenn jemand dringend eine intensive psychotherapeutische Beratung benötigt?
Svea Johannsmeier: Wir sind Expert:innen dafür zu merken, was wir leisten können. Darüber hinaus nutzen wir ein breites Netzwerk und Fachstellen. Im Fall von sexualisierter Gewalt ist das beispielsweise der „Wendepunkt“ und bei Suchtfragen zum Beispiel die Suchtberatungsstelle der Caritas.

Marvin Hirch: Falls erforderlich, begleiten wir die Jugendlichen so lange, bis ein Termin steht, und bei Bedarf auch darüber hinaus. Die Beratung hört ja nicht auf, wenn wir jemanden vermitteln. Wenn ein Jugendlicher weiter in Kontakt bleiben möchte, dann ist das auch möglich. Grundsätzlich geht es nicht darum, wie viele Fälle wir hier erfolgreich abschließen, sondern darum, dass die jungen Menschen ihre persönliche Krise gut meistern konnten.

Aus welchen sozialen Schichten kommen die Menschen, die Sie beraten?
Svea Johannsmeier: Sie bilden einen Querschnitt durch die Gesellschaft im Kreis Gütersloh, der ist da ähnlich aufgestellt wie andere Städte und Regionen in Deutschland.

Wie nimmt man Kontakt zu Ihnen auf?
Svea Johannsmeier: Einfach anrufen im Sekretariat unter Telefon 05241-4100 und einen Termin vereinbaren – die Öffnungszeiten sind sehr weit gefasst – oder kurz auf den Anrufbeantworter sprechen. Dann rufen wir gern zurück. Meist wird beim ersten Kontakt schon eine kleine Bestandsaufnahme erhoben und überlegt, zu welchem Kollegen oder welcher Kollegin das Thema passen würde. Manchmal kommen die Fragen mit in die Teamsitzung. Dann wird geklärt, wer sich besonders gut vorstellen kann, ein Thema zu übernehmen.

Marvin Hirch: Nachmittagstermine sind natürlich immer begehrt, aber wir achten darauf, dass Jugendliche, die selbst anrufen, möglichst schnell an die Reihe kommen. Familien warten etwa zwei Wochen. Krisenfälle haben Vorrang.

Diakonie Gütersloh e.V.
Carl-Bertelsmann-Straße 105-107
33332 Gütersloh
Tel.: 05241 98670

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