Manches Fußball-WM-Finale wirkt dagegen langweilig: Die Quidditch-Spiele in den Harry-Potter-Romanen und -Filmen sind an Dramatik kaum zu überbieten. Auf seinem fliegenden Besen muss sich der Zauberer selbst im Gewittersturm beweisen und wird immer wieder zum gefeierten Helden. 25 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes von Joanne K. Rowling hat sich Quidditch als Sport in der realen Welt etabliert. «Deutschland ist nach den USA auf Platz zwei der größten Quidditch-Nationen», sagt Kevin Kauper vom Deutschen Quidditchbund. Mit mehr als 40 Teams und etwa 1300 Aktiven stehe Deutschland im internationalen Vergleich sehr gut da. Es handelt sich um eine dynamische Mischung aus Rugby, Dodgeball und Handball - zeitweise sind fünf Bälle im Spiel. In jedem der gemischtgeschlechtlichen Teams sind vier unterschiedliche Positionen einzunehmen. Skurril ist, dass die Jägerinnen und Hüter, Treiberinnen und Sucher stets einen Besen zwischen den Beinen haben müssen - beim Sprinten, Werfen in die drei Torringe auf Stelzen, Abwerfen von Gegnern und Tackling, also im robusten Zweikampf. Der Besen sorgt aus Sicht der Quidditch-Fans dafür, dass eine gewisse Leichtigkeit bleibt. «Es ist ein Sport, da läuft man mit Plastikstangen zwischen den Beinen. Wie ernst kann man den nehmen?», sagt Ammon Scheller (21), Trainer der Hannover Niffler. Das Team aus der niedersächsischen Landeshauptstadt ist an diesem Tag Ausrichter eines Spieltages der Nord-Liga, zu der auch Mannschaften aus Braunschweig, Oldenburg, Hamburg und Kiel gehören. Im Arminia-Stadion dominieren die Braunschweiger Broomicorns, die kurz zuvor beim Deutschen Quidditch-Pokal hinter den Münchner Wolpertingern den zweiten Platz unter 28 Teams erkämpft haben. Der Braunschweiger Robin Menzel hat es sogar gemeinsam mit einem Kollegen ins Nationalteam geschafft. Die rosa Trikots mit Einhorn und Regenbogen der Broomicorns stehen im krassen Gegensatz zur schnellen, fast schon aggressiv wirkenden Spielweise des Teams. Der 23-jährige Menzel spielte American Football, bevor er Quidditch entdeckte. «Am Anfang war bei uns allen sehr viel Ironie dabei», erzählt der Psychologiestudent. Inzwischen ist Menzel von Quidditch als Sport begeistert. «Es ist taktisch sehr anspruchsvoll», sagt der Nationalspieler. Er schätze auch die andere Teamdynamik im Gegensatz zur ultramaskulinen Welt des American Football. «Von den sieben Spieler*innen auf dem Feld dürfen sich maximal vier mit dem gleichen Geschlecht identifizieren», heißt es beim Deutschen Quidditchbund. Auf diese Weise seien Menschen jeden Geschlechts willkommen. «Generell steht der Sport Quidditch unter dem Motto, dass alle gleich sind und gleich behandelt werden: Frauen, Männer und non-binary», sagt Ammon Scheller. Ausgerechnet Rowling, die Erfinderin von Harry Potter, löste aber mit ihren Äußerungen in der Gender-Debatte mehrfach Kritik aus. So sprach sich die britische Autorin gegen die gesellschaftliche und rechtliche Gleichstellung von Transfrauen mit Frauen aus, die bereits mit weiblichen Geschlechtsorganen geboren sind. Dies wurde von manchen als transfeindlich interpretiert. Der Deutsche Quidditchbund plant keine besonderen Veranstaltungen zum 25. Jahrestages des Erscheinens des ersten Harry-Potter-Romans in diesem Sommer. Auf der spielerischen Seite werde versucht, sich weiter von Harry Potter abzugrenzen, auch gerade wegen der Äußerungen von J.K. Rowling, teilt der Verband mit. In Zukunft wird wohl sogar der Name des Ballsports mit Besen geändert. Der Deutsche Quidditchbund will sich dem Vorschlag der International Quidditch Association anschließen, die für eine Änderung plädiert. Im Raum stehen mit Q beginnende Alternativen wie etwa Quickball oder Quidstrike. Erhofft werden damit auch neue Möglichkeiten für Sponsoring und Partnerschaften, ohne Gefahr zu laufen, Marken- oder Filmrechte zu verletzen. Die Sportwissenschaftlerin Annette Hofmann hat indes Zweifel, ob sich Quidditch dauerhaft etablieren wird. Bei den neueren Sportarten gebe es immer Wellen wie etwa das Einrad vor einigen Jahren, sagt die Professorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Andererseits sei aufgrund der Corona-Pandemie ein Mitgliederschwund in den Hallensportarten zu beobachten, während Außensport wie Tennis, Golf oder Radfahren Zulauf hätten. Möglicherweise profitiert also auch Quidditch, das draußen im Stadtpark, auf der Wiese oder dem Fußballplatz gespielt werden kann. Aktive sehen eigenen Sport mit Humor
«Taktisch sehr anspruchsvoll»
Abgrenzung von J.K. Rowling
Bildnachweis: © Michael Matthey/dpa
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Ballsport mit Besen: Quidditch löst sich von Harry Potter
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