1. Juni 2021 / Allgemeines

«Wir haben abgetrieben»: Alice Schwarzer blickt zurück

«Wir haben abgetrieben», titelte vor 50 Jahren der «Stern». Hinter der Aktion steckte das «verrückte Weib» Alice Schwarzer. Ein halbes Jahrhundert später empfindet sie Stolz - aber auch Enttäuschung.

Alice Schwarzer, Journalistin, Publizistin und Gründerin, sowie Herausgeberin der Frauenzeitschrift Emma, steht im Frauenmuseum in Köln.
von Christoph Driessen, dpa

Mehr als 300 Frauen, die sich dazu bekennen, abgetrieben zu haben? Der Stimme des Redakteurs soll anzuhören gewesen sein, dass er es für höchst unwahrscheinlich hielt, eine solche Zahl zusammenzubekommen.

Aber es klappte, und am 6. Juni 1971 - Sonntag vor genau 50 Jahren - erschien der wohl bekannteste «Stern»-Titel mit der Schlagzeile «Wir haben abgetrieben!».

Alice Schwarzer betrachtet diesen Moment als Geburtsstunde der deutschen Frauenbewegung.

Die heute 78 Jahre alte «Emma»-Herausgeberin arbeitete damals als Korrespondentin in Paris und war in der französischen Frauenbewegung engagiert. Am 5. April 1971 veröffentlichte das linksliberale Wochenmagazin «Le Nouvel Observateur» das von 343 Frauen unterzeichnete Bekenntnis «Ich habe abgetrieben». Zu den Unterstützerinnen gehörten die Schriftstellerin Simone de Beauvoir und die Schauspielerin Catherine Deneuve. Die Aktion erregte weltweites Interesse.

Kurz darauf rief Redakteur Jean Moreau bei Schwarzer an und erzählte ihr, dass eine deutsche Zeitschrift namens «Jasmin» die Aktion für Deutschland übernehmen wolle. Er habe allerdings das Gefühl, dass dabei vor allem kommerzielle Interessen im Vordergrund stünden. Was da zu tun sei? Schwarzer rief kurzerhand beim «Stern» an: «Wenn ich Ihnen rund 300 Namen liefere, darunter das obligatorische Dutzend Prominente, zieht der «Stern» dann mit, und sind Sie bereit, das in einer politischen Form zu veröffentlichen?» Der zuständige Ressortleiter habe sofort zugestimmt, allerdings bezweifelte er, dass sich so viele Frauen in die Öffentlichkeit wagen würden. Denn auf Abtreibung stand bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Wie also sollte sie die Frauen finden? «Ich lebte seit Herbst 1969 in Paris und dachte, in Deutschland gäbe es auch so eine Frauenbewegung, wie sie in Frankreich entstanden war. Das war aber nicht der Fall. Es gab ein paar versprengte Frauengruppen, die aber eher Marx-Schulungen machten. Bevor man einmal "Frau" sagen durfte, musste man zehnmal "Klasse" sagen.» Sie konnte dann aber doch drei Frauengruppen in Frankfurt, München und Berlin dazu animieren, sich zu beteiligen. Etwa die Hälfte der 374 Unterschriften, die in den nächsten drei Wochen zusammenkamen, stammte aber einfach von Freundinnen, Nachbarinnen, Töchtern, Müttern...

Kurz vor der Drucklegung bestand «Stern»-Chefredakteur Henri Nannen plötzlich darauf, die Aktion nur mit Romy Schneider aufs Titelblatt zu bringen. Damit stieß er auf den Widerstand Schwarzers, die befürchtete, dass dann alles wie eine Story über einen Filmstar wirken würde. Sie aber wollte eine politische Aktion, die auf eine Reform des Abtreibungs-Paragraphen 218 abzielte. «Ich habe dann gesagt: Nein, das entspricht nicht den Abmachungen, wir titeln mit 30 Frauen.» Nannen habe damals hinter verschlossenen Türen getobt und sie «das verrückte Weib» genannt. Am Ende habe er aber nachgegeben. «Und als der "Stern" dann erschien, war es eine Bombe - das kann man sich heute gar nicht vorstellen.»

Schwarzer sieht die Aktion als «Zündfunken der Frauenbewegung». Zehntausende hätten sich in den darauffolgenden Wochen solidarisiert, plötzlich standen Frauenthemen auf der Tagesordnung. «Ich bewundere bis heute diese 373 Frauen, die den Anfang gemacht haben», sagt Schwarzer, die selbst zu den insgesamt 374 Unterzeichnerinnen gehörte. «Sie wussten nicht: Lässt ihr Mann sich scheiden? Verlieren sie ihre Stelle? Reden die Nachbarn noch mit ihnen? Sie wurden dann Heldinnen. Aber das war damals noch nicht absehbar.» Später wurde bekannt, dass Schwarzer und einige andere beteiligte Frauen selbst gar keinen Schwangerschaftsabbruch hinter sich hatten, aber aus Solidarität unterschrieben hatten.

1974 beschloss der Bundestag mit knapper Mehrheit die Fristenregelung, die eine Abtreibung bis zur zwölften Woche erlaubt. «Sehr übel nehme ich bis heute die Haltung von Kanzler Willy Brandt. Er hat im entscheidenden Moment der Abstimmung den Saal verlassen. Später hat er gesagt, er sei ja ein uneheliches Kind gewesen, und wenn man hätte abtreiben dürfen, hätte es ihn vielleicht nie gegeben. Ich bin auch unehelich, aber auf diesen Gedanken wäre ich nie gekommen.»

Kritiker aus der katholischen Kirche werfen Schwarzer vor, sie habe mit der Aktion Abtreibung propagiert und erleichtert. Sie hält dagegen: «Damals trieben eine Million Frauen im Jahr nur in der Bundesrepublik ab. Heute sind es in Gesamtdeutschland ungefähr 100.000. Man kann also sagen, dass niemand so viel gegen Abtreibung getan hat wie wir Feministinnen. Uns ist es schließlich zu verdanken, dass die Frauen selbstbewusster, aufgeklärter, ökonomisch eigenständiger wurden. Und dadurch wurden sie seltener ungewollt schwanger.»

Auf den andauernden Druck der katholischen Kirche führt sie zurück, dass der Schwangerschaftsabbruch in Deutschland bis heute immer noch grundsätzlich strafbar ist, nur eben unter bestimmten Voraussetzungen nicht verfolgt wird. Mittlerweile sei Deutschland hier das rückständigste Land Westeuropas. «Es ist ein halbherziges Gesetz, das man auch jederzeit wieder strenger interpretieren kann», ist ihre Meinung. «Die Frau muss immer noch bitte, bitte machen.»

Und immer noch müssten zum Beispiel viele Frauen aus Bayern in andere Bundesländer fahren, weil sie zu Hause keinen Arzt fänden, der den Eingriff ausführen wolle. «Dass das heute so ist, hätte ich vor 50 Jahren nie gedacht. Ich fürchte, der Kampf um das Recht auf eine selbstbestimmte Mutterschaft ist nicht nur von gestern, er wird vor allem von morgen sein.»


Bildnachweis: © Oliver Berg/dpa
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