28. Januar 2022 / Allgemeines

Virologin Ciesek kritisiert Verkürzung des Genesenen-Status

Lauterbach hält weiter daran fest, dass der Genesenen-Status nicht für sechs, sondern drei Monate gilt. Virologin Ciesek zeigt sich darüber «nicht glücklich» - und sieht vor allem für Junge ein Problem.

«Dieses Virus hat uns immer wieder überrascht», sagt Ciesek zwei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie.
Veröffentlicht am 28. Januar 2022 um 18:29 Uhr von dpa

Auch die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek sieht die Verkürzung des Genesenen-Status von sechs auf drei Monate kritisch.

Die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie an der Frankfurter Uniklinik plädiert dafür, den Zeitpunkt des Boosterns nach Genesung «individual-medizinisch» zu entscheiden.

«So richtig glücklich und zufrieden bin ich nicht mit den Regelungen», sagte Ciesek. Einen einheitlichen Zeitpunkt für alle zu definieren, sei «sehr schwierig». Es müsse berücksichtigt werden, mit welcher Virus-Variante man infiziert wurde, wie alt man ist, wie lange gegebenenfalls die Impfungen zurückliegen.

Ciesek: Dilemma für Jugendliche

«Die Regelung mit den drei Monaten ist für einige Patienten sehr ungünstig», sagte sie in Wiesbaden. Jugendliche, die im Sommer das erste Mal geimpft wurden und sich im Herbst infizierten, seien jetzt «in einem echten Dilemma». Sie müssten sich nun nach drei Monaten boostern lassen, «haben aber zum Teil Antikörper, die unser Messfenster sprengen». Hier mache es Sinn, auf den neuen, an Omikron angepassten Impfstoff zu warten. Bei 60-Jährigen sei das ganz anders.

«Dieses Virus hat uns immer wieder überrascht», sagte Ciesek in ihrer Bilanz zwei Jahre nach Beginn der Pandemie. Virologen hätten zwar damit gerechnet, dass sich das Virus verändere, aber nicht damit, «dass das so schnell geht und dass wir so viele Varianten sehen». Auch die Hoffnung, dass sich mit dem Impfstoff die Pandemie dem Ende zuneigt, «hat sich leider nicht so richtig bewahrheitet». Impfungen blieben dennoch wichtig, um schwere Verläufe zu verhindern.

Unklar, ob Omikron viel infektiöser

Dass Omikron wirklich so viel infektiöser ist als Delta, sei virologisch «gar nicht klar», sagte Ciesek, «eher unwahrscheinlich». Dass sich mehr Menschen anstecken, liege eher daran, «dass das Virus viel mehr Opfer findet»: Bei Delta sei das Virus von den Geimpften besser «geblockt» worden, mit Omikron infizierten sich auch Geimpfte und Geboosterte, deswegen könne das Virus jetzt wieder besser zirkulieren. Ein weiterer Grund sei die kürzere Inkubationszeit.

Dass bald eine vierte Impfung für alle nötig sein wird, glaubt Ciesek nicht. Für Omikron mache das «keinen großen Unterschied». Die Antikörper stiegen weniger stark an als nach der zweiten oder dritten Impfung «und ich kenne auch einige, die sich trotz vier Impfungen infiziert haben». Langfristig seien dennoch mehr als drei Impfungen denkbar: «Ich glaube schon, dass es darauf hinausläuft, dass einige sich regelmäßig impfen lassen müssen.»

Wann das Virus endemisch werde, könne man derzeit noch nicht sagen. «Es ist wichtig zu verstehen, dass man erst ein endemisches Stadium erreicht, wenn alle irgendwie mal Kontakt hatten - entweder durch Impfung oder Infektion und dann die Verläufe einfach milder werden. Und so weit sind wir nicht.»


Bildnachweis: © Sebastian Gollnow/dpa
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