16. Juni 2022 / Allgemeines

Debatte um Corona-Fahrplan - Inzidenzen «irrelevant»?

Die Corona-Infektionszahlen steigen. Doch wie soll die Politik darauf reagieren? Das Gesundheitsministerium arbeitet schon an der nächsten Impfkampagne. Andere sehen hingegen keinen Grund zur Panik.

Karl Lauterbach auf der 17. Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock. Hier diskutieren rund 300 Experten über die Aufarbeitung der Corona-Pandemie.
von dpa

Nach dem erneuten Anstieg der Corona-Infektionen ist eine Kontroverse um die weitere Vorgehensweise im Sommer entfacht.

Während Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) von einer Sommerwelle spricht und mit wenig Entspannung in den kommenden Wochen rechnet, halten manche Experten die Corona-Inzidenzen derzeit nicht für relevant. Auch beim Erhalt der regionalen Impfzentren über den Sommer gibt es unterschiedliche Meinungen.

«Wir können uns nicht noch mal einen Herbst leisten, wo wir so vorbereitet sind wie im letzten Herbst», sagte Lauterbach bei der 17. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft in Rostock. Zuvor äußerte sich der SPD-Politiker bei RTL/ntv und sagte, dass es zwar keinen Grund zur Panik gebe, allerdings würden nach steigenden Zahlen künftig auch die der Todesfälle wieder zunehmen.

RKI: Neue Omikron-Sublinien aktuell wohl bereits in der Mehrzahl

Die seit einigen Wochen anteilig zunehmenden Omikron-Sublinien sind nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) derzeit bereits dominierend. «Das starke Wachstum von BA.4 und insbesondere BA.5, aber auch BA.2.12.1, lässt darauf schließen, dass diese Varianten aktuell bereits die Mehrzahl der Nachweise ausmachen», heißt es im RKI-Wochenbericht zu Sars-CoV-2. Es stützt sich auf Auswertungen zu Virusvarianten.

Diese Daten im Bericht beziehen sich stets auf vorvergangene Woche:  BA.5 machte damals demnach in einer Stichprobe rund 24 Prozent der positiven Proben aus, das entspricht erneut in etwa einer Verdopplung im Vergleich zum Vorwochenwert. BA.4 und BA.2.12.1 lagen beide bei rund vier Prozent. Wegen der stärkeren Verbreitung im Vergleich zu den bisher vorherrschenden Erregern könnten diese Varianten zu einem Wiederanstieg der Infektionszahlen beitragen, hieß es.

Bei der Entwicklung der Sieben-Tage-Inzidenz spricht das RKI für vergangene Woche im Vergleich zur Vorwoche von einer deutlichen Zunahme um rund ein Drittel. Betroffen seien alle Altersgruppen. Auch seien wieder mehr Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen sowie in medizinischen Behandlungseinrichtungen erfasst worden. «Mit dem weiteren Anstieg der Infektionszahlen ist auch mit einem erneut verstärkten Infektionsdruck auf vulnerable Personengruppen zu rechnen.» Eine RKI-Landkarte zur Entwicklung des Infektionsgeschehens weist vor allem im Nordwesten Deutschlands viele Landkreise mit erhöhten Fallzahlen aus.

Boosterimpfungen überprüfen und gegebenenfalls ausweiten

Das Gesundheitsministerium arbeitet deswegen an einer Impfkampagne für die kommenden Monate. Es gebe einen engen Austausch mit den Herstellerfirmen über neue Impfstoffe. «Wir erwarten diese Impfungen Ende August, wahrscheinlich eher Mitte September», kündigte der Minister an. Außerdem würden auch funktionierende Testkonzepte benötigt. Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen riet in der «Rheinischen Post» dazu, die Empfehlungen zu Boosterimpfungen zu überprüfen und gegebenenfalls auszuweiten.

Experte Klaus Stöhr, der Mitglied im Sachverständigenausschuss zur wissenschaftlichen Beurteilung der staatlichen Corona-Beschränkungen ist, sieht den gegenwärtigen Anstieg dagegen gelassen und sprach von «irrelevanten Meldeinzidenzen». Man müsse auf die Entwicklung in den Krankenhäusern achten, sagte er im ZDF-«Morgenmagazin». «Und da sehen wir eigentlich gar keine Zunahme. Ganz im Gegenteil. Die Situation ist so entspannt, wie man es nur hoffen konnte für den Sommer. Und daran wird sich auch nichts dramatisch ändern», meinte Stöhr.

«Infektionszahlen interessieren mich nicht so sehr»

Auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sieht keinen Grund zur Panik. «Solange die Krankheitslast nicht massiv steigt, interessieren mich die Infektionszahlen, die ohnehin nicht korrekt erfasst sind, nicht so sehr», sagte Gassen der «Ärzte Zeitung».

Auch der weitere Fahrplan um den Umgang mit den Corona-Impfzentren stellt ein Diskussionsthema dar. Für ihren Erhalt über den Sommer auch bei derzeit geringem Andrang plädiert der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze. Jetzt alle Strukturen zurückzufahren und im Herbst dann wieder neu zu starten, sei nicht die richtige Lösung. «Ich mahne an jeder Stelle zur Vorsicht», sagte Schwartze.

Der Deutsche Hausärzteverband hält das Offenhalten dagegen für verzichtbar. «Die Impfzentren stehen deutschlandweit leer», sagte Präsident Ulrich Weigeldt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. «Weswegen sie jetzt den gesamten Sommer weiterbetrieben werden sollen, erschließt sich überhaupt nicht.» Das koste viel Geld, das woanders gebraucht werde. Die Hausärzte hätten bewiesen, dass Impfungen in Praxen am besten aufgehoben seien.


Bildnachweis: © Jens Büttner/dpa
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