20. Oktober 2022 / Allgemeines

Pronomen sind politisch - Tagung über Er, Sie und They

Mit Personalpronomen haben sich die meisten Leute wohl zuletzt im Deutschunterricht befasst. Dabei sind die Wörtchen hochpolitisch - mit ihnen lassen sich verschiedene Geschlechtsidentitäten ausdrücken.

Personalpronomen gehören zu den kürzesten Wörtern der deutschen Sprache, nun ist «er», «sie», «es» und «they» eine ganze Konferenz gewidmet worden.
von Gregor Bauernfeind, dpa

Sie gehören zu den kürzesten Wörtern der deutschen Sprache. Und doch herrscht um sie immer wieder große Aufregung. Die Rede ist von Personalpronomen: «Er», «sie» und «es» kennen viele noch als «Fürwörter» aus dem Deutschunterricht - hochpolitisch wird es aber, wenn etwa von «they/them» die Rede ist.

Mit Pronomen wie diesen lassen sich unterschiedliche Identitätskonzepte von non-binären Menschen ausdrücken. Gerade vielen Jüngeren ist die richtige Bezeichnung ein wichtiges Anliegen, Kritikern treiben die «Gender Pronouns» dagegen regelmäßig die Zornesröte ins Gesicht. In Bielefeld haben jetzt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den nur scheinbar unscheinbaren Personalpronomen eine ganze Konferenz gewidmet.

Bewegung stammt aus den USA

«Es ist eigentlich eine unauffällige Wortgruppe. Aber sehr, sehr bedeutsam», sagt Mona Körte, Professorin für Literaturwissenschaft und Organisatorin der Tagung mit dem Titel «Personalpronomen: Grammatik im Wandel?». Wer einen genaueren Blick auf Texte zu Personalpersonen werfe - von Humboldt über Grimm bis ins 20 Jahrhundert hinein - stelle fest, «dass diese Theorietexte das Phänomen gar nicht zu bändigen helfen, sondern im Gegenteil eher Verwirrung stiften. Und das hat uns sehr interessiert.»

Vor allem bei jüngeren Menschen ist es in den vergangenen Jahren gängiger geworden, in E-Mail-Signaturen oder auf Profilen in sozialen Medien ihre Personalpronomen anzugeben. Die Bewegung stammt aus den USA. Bei vielen nicht-binären Menschen - die sich nicht oder nur teilweise in die Kategorie Frau oder Mann einordnen - hat sich «they/them» etabliert. Aber auch viele «Cisgender» - so werden jene Menschen genannt, bei denen das bei der Geburt festgestellte Geschlecht mit der später entwickelten Identität übereinstimmt - geben etwa «she/her» oder «sie/ihr» an. Sie wollen damit zeigen, dass sie die Geschlechtsidentität anderer respektieren. So soll von Nicht-Binären der Druck genommen werden, sich immer wieder erklären zu müssen.

Politische Debatte zum Anlass für Forschung

«Die Anforderungen, dem Zwang zu genügen, sich in die binäre Ordnung einzufügen - das wird von vielen Menschen verstärkt als Zumutung erlebt», erklärt die auf der Konferenz vertretene Professorin für Geschlechtersoziologie, Tomke König, die Anfänge der Bewegung. Je vielfältiger die geschlechtlichen Lebensweisen würden, umso lauter werde auch die Kritik an der alten binär-hierarchischen Ordnung. «Boykott dem binären Komplott!» - so drückt es die Band Drangsal in einem Songtext aus.

Personalpronomen seien derzeit «hochgradig politisch aufgeladen», sagt Körte. «Wir nehmen die politische Debatte nur zum Anlass, um uns dann tatsächlich wissenschaftlich über diese interdisziplinären Ansätze zu verständigen.» So waren auf der Tagung am Mittwoch und Donnerstag neben der Sprachwissenschaft auch Philosophie, Biologie, Soziologie oder Tierethik vertreten. Es ging etwa um die «Konstruktion von Identität in der römisch-antiken Lebenswelt» oder die Verwendung von Pronomen in Tierenzyklopädien.

Das Thema zu kontextualisieren und zu historisieren, tue der politischen Debatte gut, ist sich Körte sicher. Dort spiele Wissenschaft nämlich kaum eine Rolle, sagt sie. «Unsere Tagung ist ein Ansatz, ein Versuch in diese Richtung.» Interessant sei, «dass die Wissenschaft bei den Pronomen nicht einhegt und befriedet». Sie mache vielmehr deutlich, dass Pronomen in ihrer Variabilität, ihren Schattierungen und Nuancen schon sehr lange ein Thema seien.

Eine Alternative: Die Nennung des Namens

Im Englischen haben sich weitgehend die Pronomen «they/them» etabliert, im Deutschen gibt es dagegen bislang kaum adäquate Anreden abseits der männlichen und weiblichen Formen, die auch allgemein verständlich sind. «Ich beobachte, dass sich eher das Nennen des Namens durchsetzt», sagt König. «Und das finde ich eine sehr gute Lösung, weil wir dann keine neuen Worte erfinden müssen.» Ein Beispielsatz: «Steffi putzt sich die Zähne, bevor Steffi ins Bett geht.»

Befürchtungen von «Sprachverunstaltung» weist König zurück. «Wichtiger wäre, dass niemand diskriminiert wird», sagt sie. Es gehe gar nicht nur um Repräsentation, sondern auch um «Verantwortung, die ich dafür habe, respektvoll und anerkennend meinem Gegenüber zu begegnen, für den respektvollen Umgang miteinander.»

Das Thema polarisiert

Über die Sprachkritik hinaus werden immer wieder - etwa in Kreisen, die Geschlecht für naturgegeben halten - Grundsatzdebatten über den sogenannten «Genderwahn» geführt. Das Thema polarisiert, wie das Beispiel von Kim de l'Horizon zeigt. Wie der «Kölner Stadt-Anzeiger» berichtete, erreichen de l'Horizon nach dem Gewinn des Deutschen Buchpreises am Montag neben Glückwünschen auch queerfeindliche Angriffe. Kim de l'Horizon definiert sich als non-binär. Im Instagram-Profil steht: «keine pronomen oder dey/dem».

Aber warum provoziert die Verwendung von Pronomen wie «they/them» eigentlich so sehr? Geschlechtersoziologin König erklärt, die Empörung sei nicht überraschend. In diesen Debatten gehe es nicht nur um den Erhalt oder die Überwindung der Differenz zwischen den Geschlechtern, sondern um Lebensweisen, die für unsere Gesellschaft bislang wesentlich (konstitutiv) gewesen seien, allen voran die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern.


Bildnachweis: © Roberto Pfeil/dpa
Copyright 2022, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Ihre Nachrichten fehlen auf der Gütersloh App? 

Meistgelesene Artikel

Rheda-Wiedenbrück: B61 – Restarbeiten ab 13. April, Tempo 50 und Einspurbetrieb bis Freitag
Baustellen und Sperrungen

Straßen.NRW führt ab Montag letzte Bankett- und Markierungsarbeiten auf der B61 durch

weiterlesen...
Erneute Auszeichnung für drei starke Innungsbetriebe
Kreishandwerkerschaft Gütersloh-Bielefeld

Drei Betriebe aus dem Bereich des Lebensmittelhandwerks dürfen sich erneut über eine besondere Anerkennung freuen: Die...

weiterlesen...
Neues Format erfolgreich gestartet: Erster Mittagsimpuls Ausbildung mit Praxiswissen zur Weiterbildung
Kreishandwerkerschaft Gütersloh-Bielefeld

Auftakt für eine neue Online-Reihe der Kreishandwerkerschaft Gütersloh-Bielefeld: Beim ersten „Mittagsimpuls...

weiterlesen...

Neueste Artikel

Hantavirus bei Kreuzfahrt: Passagiere reisen in Heimatländer
Allgemeines

Nach dem Hantavirus-Ausbruch auf der «Hondius» sind Rückflüge für deutsche und andere europäische Passagiere geplant. Nun ist bekannt, wie es für sie nach Ankunft auf Teneriffa weitergehen soll.

weiterlesen...
Weiter Fahndung nach Täter nach Großeinsatz in Sinzig
Allgemeines

Ein Notruf aus einer Bank löst einen Großeinsatz der Polizei aus. Einen Tatverdächtigen haben die Fahnder noch nicht gefasst.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Hantavirus bei Kreuzfahrt: Passagiere reisen in Heimatländer
Allgemeines

Nach dem Hantavirus-Ausbruch auf der «Hondius» sind Rückflüge für deutsche und andere europäische Passagiere geplant. Nun ist bekannt, wie es für sie nach Ankunft auf Teneriffa weitergehen soll.

weiterlesen...
Weiter Fahndung nach Täter nach Großeinsatz in Sinzig
Allgemeines

Ein Notruf aus einer Bank löst einen Großeinsatz der Polizei aus. Einen Tatverdächtigen haben die Fahnder noch nicht gefasst.

weiterlesen...
ANZEIGE – Premiumpartner