29. Dezember 2022 / Allgemeines

«Dicht im Flieger», «Layla»: Das Jahr der Ballermann-Hits

«Layla» ist der offizielle Hit des Jahres und wurde am Ballermann groß. Auch andere Partysongs haben in diesem Jahr die Charts gestürmt. Der Erfolg hat wohl auch etwas mit Corona zu tun.

Vorwiegend junge Leute gehen durch die Schinkenstraße im Party-Viertel Ballermann auf Mallorca.
Veröffentlicht am 29. Dezember 2022 um 10:10 Uhr von Thomas Bremser, dpa

Das erste lange Partywochenende 2022 an der Playa de Palma Ende April: Am Donnerstag spielt DJ Robin (26) im Bierkönig zum ersten Mal «Layla». So richtig zündet das Lied nicht. Einen Abend später aber dreht das Partyvolk durch, wünscht sich den Song pausenlos und grölt laut mit. «Das war der Moment, an dem wir gewusst haben: «Ups, wir haben einen Hit»», erinnert sich der DJ acht Monate später an diesen Moment. Das Ballermann-Jahr 2022 geht nach zwei Jahren Corona-Zwangspause in die deutsche Charts-Geschichte ein.

Am Freitag kürten die Ermittler der Offiziellen Deutschen Charts von GfK Entertainment «Layla» zur Nummer eins der Single-Jahrescharts. Das Lied ist also offiziell der «Hit des Jahres».

«Wir waren zwei Jahre lang nicht in der Lage, so zu feiern, wie wir es von vorher kannten. Dazu kamen zwei Jahrgänge, die noch nie richtig feiern waren, weil sie es in der Pandemie halt nicht durften und vorher zu jung waren», sagt Robin Leutner der Deutschen Presse-Agentur.

Mallorca-Musik auf großer Plattform

Durch die Partywut der Ballermann-Fans habe die Mallorca-Musik eine größere Plattform bekommen. «Das ist auch gut so. Wir haben einfach die Berechtigung, genauso ernst genommen zu werden wie andere Musik, die in den Charts steht.»

Während die Schlagerstars in den Top 100 im Jahr 2021 noch Helene Fischer, Kerstin Ott und Giovanni Zarrella hießen, sorgten im Genre Schlager in diesem Jahr auch Julian Sommer («Dicht im Flieger», Platz 39 in den Jahrescharts) oder die Zipfelbuben feat. DJ Cashi («Olivia», Platz 61 in den Jahrescharts) für Riesenhits. Auch der Bierkapitän («Lea») feierte Erfolge.

Auch die Flippers erlebten ein überraschendes Comeback mit ihrem schon älteren Lied «Wir sagen Dankeschön», das am Ballermann, auf Schützenfesten und Jahrmärkten rauf- und runtergespielt wurde.

Doch dessen romantisch-schnulzige Textzeile «Liebe ist, wenn man sich zärtlich küsst» bleibt eher die Ausnahme. Am Ballermann geht es schließlich deftiger zu, nicht wenige sagen: sexistisch.

«Dich kennt der ganze Laden. Vom Kopf bis zu den Waden», heißt es in «Olivia» über eine Frau, die gern die Partner wechselt. Stripperin «Lea» wird besungen mit: «Sie hat so schöne Backen, ein Arsch zum Nüsseknacken. Brutales Hinterteil. Geil, geil, geil.»

«Layla» sorgte für Sexismusdebatte

Für die Sexismusdebatte des Jahres sorgte allerdings der Song von Sänger Schürze und DJ Robin über die Puffmama Layla («Sie ist schöner, jünger, geiler»), der sich im Sommer neun Wochen lang auf Platz eins hielt, sicherlich auch befeuert durch das Verbot auf einigen (wenigen) Volksfesten.

«Wir wollen uns erneut ganz herzlich bedanken, dass die Debatte überhaupt geführt wurde, die aus unserer Sicht absolut nicht gerechtfertigt war», sagt DJ Robin. «Aber sie hat uns natürlich noch mehr Aufmerksamkeit gegeben und das Lied noch größer gemacht als es ohnehin schon war.» Dafür sorgte auch Produzent Ikke Hüftgold mit geschickt inszenierten PR-Aktionen wie «Free Layla».

Die Musikwissenschaftlerin Marina Forell von der Universität Leipzig hätte sich losgelöst von dem Liedtext eine tiefergehende Debatte über Sexismus auf Partys gewünscht. «Wenn ein sexistischer Song beim Feiern für viele ja so in Ordnung geht, was sagt das beispielsweise über das Party-Klima für Frauen aus? Fühlen sie sich sicher?»

Musikalisch attestiert die Expertin «Layla» einen extrem eingängigen Text. «Er ist zudem modern produziert, das klingt nicht so billig wie einige Ballermann-Songs.»

Erfolg der Musik bietet Chancen

Der Erfolg der Partymusik hat sich auch auf den Fachkräftemangel in Deutschland ausgewirkt: Der 24 Jahre alte Newcomer Julian Sommer hat seinen Job in einem Autohaus gekündigt. Und «Layla»-Sänger Schürze, der bürgerlich Michael Müller heißt, arbeitet nicht länger als Elektriker.

«Es ist ein komplett anderes Leben. Du bist zu den Zeiten wach, zu denen du früher geschlafen hast und verbringst das halbe Wochenende auf der Autobahn», sagt der 32-jährige Schwabe über seinen neuen Alltag. Von den Einnahmen habe er das meiste aufs Konto gelegt, um später mal ein Haus zu finanzieren.

Im Winter wollen es beide «Layla»-Macher trotz Après-Ski etwas ruhiger angehen lassen. Dafür sei das kommende Jahr fast schon komplett verplant. Schürze weiß dennoch nicht wirklich, was ihn 2023 erwartet. «Wir müssen jetzt schauen, wie lange der Hype andauert, ob wir uns weiter da oben halten können oder sogar noch größer werden.»


Bildnachweis: © Clara Margais/dpa
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