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Gütersloher Grundschüler entdecken das bürgerliche Leben im 19. Jahrhundert

Gütersloher Grundschüler entdecken das bürgerliche Leben im 19. Jahrhundert

Wenn Schülerinnen und Schüler mit kleinen Häubchen und Zylindern und mit neugierigen Fragen auf den Lippen durch die Gütersloher Innenstadt wandern, dann ist es wieder Zeit für die historische Stadtrallye. Ob im Alten Amtsgericht, im Stadtmuseum oder in der Musikschule – an acht Stationen warteten zahlreiche Laienschauspieler auf die insgesamt 36 Schülergruppen, um ihnen von ihrem Leben in der damaligen Zeit zu berichten. Passend zum 150-jährigen Jubiläum der Altstadtschule machten die Viertklässler in diesem Jahr auch erstmalig in einem historischen Klassenzimmer Halt.

Die Zeitreise beginnt im Alten Amtsgericht der Stadt. Bei mystischer Flötenmusik und klingelnden Glöckchen nimmt Zauberin Adelheid Eimer die Schülerinnen und Schüler der Klasse 4a der Grundschule Avenwedde Bahnhof und ihre Klassenlehrerin Gabriele Martensmeier mit in die Vergangenheit. Ein Blick in den hölzernen Zauberspiegel verrät: sie sind im Jahr 1875 angekommen. Aber wie hat es damals in Gütersloh ausgesehen, wie haben die Menschen gelebt und was haben sie angezogen? „Die waren bestimmt nicht so stylisch wie wir“, vermutete die Viertklässlerin Haja. Ob stylisch oder nicht – in ihrer neuen Rolle als Kinder eines Gütersloher Kaufmanns sind zeitgemäße Kopfbedeckungen Pflicht. Und so wurden kurzerhand Cappies gegen Zylinder getauscht und Zöpfe unter Häubchen versteckt, bevor es auf Entdeckungstour durch das Gütersloh im Jahre 1875 ging.

Vom Fabrikant über den Kaufmann bis hin zur Dienstmagd – an verschiedenen Stationen berichten zwölf Laienschauspieler von ihrem Alltag vor 143 Jahren in Gütersloh. Nach dem Start im Alten Amtsgericht geht es für die Jungen und Mädchen weiter zur Tanzschule Stüwe-Weissenberg. Dort mussten die Schüler erfahren, dass Gleichberechtigung damals noch ein Fremdwort war. „Hier war früher eine Gesellschaft ausschließlich für Männer, Frauen waren hier nicht erlaubt“, klärte der Laienschauspieler die Schüler auf. Ausnahmsweise durften heute aber auch die Mädchen eintreten und gemeinsam mit ihren Mitschülern darüber entscheiden, ob Kaufmann Dickel in die vornehme „Gesellschaft Eintracht“ aufgenommen werden darf.

Gleich nebenan in der Musikschule empfängt Ferdinand Bartels mit seiner Frau Marie und dem Dienstmädchen Anna die jungen Gäste in seinem Salon. Bei der Familie Bartels bekommen die Kinder einen Einblick in die Verpflichtungen, die die gesellschaftliche Stellung des Mannes für die Familie bedeutet, aber auch, welche Arbeiten Frau Bartels und ihre Dienstmädchen im Haushalt übernehmen. Als Seidenweberfabrikant ist er einer der reichsten Menschen der Stadt und führt ein erfolgreiches Unternehmen. Familie und Haushalt gehören nicht zu seinen Aufgaben. Darum kümmern sich ausschließlich die Frauen im Haus. Ihr Alltag steht in deutlichem Kontrast zu dem des Familienoberhauptes. „Ich arbeite von früh bis spät, mache den Haushalt und kümmere mich um die 14 Kinder“, klagt Dienstmagd Anna über ihren anstrengenden Alltag. Mit so einem Leben möchten die Mädchen der 4a nicht tauschen und machten sich gemeinsam mit ihren Mitschülern auf den Weg ins Stadtmuseum.

Ohne es zu wissen, durften die Grundschüler hier auf einer der wichtigsten Erfindung des 19. Jahrhunderts Platz nehmen: den Bahngleisen einer Eisenbahn. Laienschauspieler Norbert Ellermann weiß, was die Anbindung Güterslohs an das Eisenbahnnetz so besonders machte: „Mit der Kutsche brauchte man früher sechs Stunden von Gütersloh nach Hamm. Die Eisenbahn schaffte die gleiche Strecke in 1,5 Stunden.“ Aber nicht nur die Eisenbahn, sondern auch zahlreiche Unternehmen haben eine jahrhundertelange Tradition in Gütersloh. Ob Märchenbuch, Seidentuch oder Schutzkleidung – für die kleinen Gäste war es kinderleicht, die Produkte den Gütersloher Firmen Bertelsmann, Bartels sowie Niemöller & Abel zuzuordnen.

Keine wohlhabende Unternehmersfrau aber auch nicht arm war Oma Stedtfeld, die die Kinder gleich nebenan in ihrem Haus, dem heutigen Museumscafé begrüßte. Das alte Fachwerkhaus stand früher am Rand der Stadt im Viertel „Im Busch“ und wurde mühsam mit einem Kran in die Innenstadt transportiert. Hier erfuhren die Kinder, wie das Leben der damaligen Mittelschicht aussah. Ob fließend Wasser, ein Oberbett aus Daunen oder ein Kühlschrank – viele Dinge, die für die Grundschüler heute selbstverständlich sind, gab es damals noch nicht.

Neben den bekannten Stationen wurde die historische Stadtrallye in diesem Jahr zusätzlich um eine weitere ergänzt. Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Altstadtschule führte die Kinder ihr vorletzter Besuch in ein historisches Klassenzimmer, wo sie von Gerhard Scheer in der Rolle des strengen Lehrers begrüßt wurden. Umgeben von einer historischen Schulbank mit alten Lederranzen und einem hölzernen Abakus zeigte er den Kindern, wie der Unterricht damals aussah. „Wer nicht gehört hat, musste sich zur Strafe auf ein Körnerkissen oder einen Holzscheit knien“, erklärte der Laienschauspieler. Wie sich das anfühlt, durften Tizian und Jessica auch ausprobieren. Ihr Fazit war eindeutig: „Das tut richtig weh“, so Tizian. Und auch inhaltlich wurden im damaligen Unterricht andere Prioritäten als heute gesetzt, weiß Gerhard Scheer: „Religion war das wichtigste Fach. Die Kinder haben Lesen gelernt und die Bibel zur verstehen.“

Bei ihrem letzten Halt im Stadtarchiv werfen die Kinder gemeinsam mit Christina Grimm einen Blick auf eine historische Stadtkarte Güterslohs mit den unterschiedlichen Stadtgrenzen im Wandel der Zeit. Und dann ist es auch schon wieder an der Zeit, in die Gegenwart zurückzureisen. Trotz spannender Zeitreise sind sich die Mädchen und Jungen einig: die Häubchen und Zylinder werden sie im Jahr 2018 nicht vermissen.

Bild: Mit Abakus und Lederranzen: Gerhard Scheer empfängt die Klasse 4a der Grundschule Avenwedde Bahnhof mit ihrer Klassenlehrerin Gabriele Martensmeier in einem historisch hergerichteten Klassenzimmer der Altstadtschule.

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